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Annette Pussert (Foto: Carola Plöchinger)

Lesung mit Annette Pussert

 

Coburger Tageblatt vom 18. Februar 2017

 

ZUKUNFT WÄCHST AUS ERINNERUNG

 

BEGEGNUNG - Zum Heimspiel wird für die in Berlin lebende Autorin Annette Pussert ihre Lesung in der Stadtbücherei Coburg

 

Von unserem Redaktionsmitglied Jochen Berger

 

Coburg - Hanna bricht auf zu einer Reise in die Vergangenheit. Weit ist der Weg von Berlin nach Danzig - acht quälend lange Stunden Bahnfahrt. Doch die eigentliche Reise findet im Kopf statt - für Hanna, die Enkelin, die sich auf den Spuren ihrer verstorbenen Großmutter Auguste nach West-Preußen bewegt. "Nord Nord Ost" hat die in Berlin lebende Coburger Autorin Annette Pussert ihren Debüt-Roman genannt, der von Hanna und Auguste handelt und von den Mühen und Schmerzen des Erinnerns.

 

Viele Zuhörer

 

Groß der Andrang in der Stadtbücherei. die gemeinsam mit dem Literatrurkreis Coburg zur Lesung geladen hat. Krieg, Flucht und Vertreibung - mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewinnt das Thema neue Aufmerksamkeit, wie auch die rege Diskussion während und nach der Leseung beweist. Die Erinnerung an die lange verdrängten Themen Krieg und Holocaust, Vertreibung und Vergangenheitsbewältigung - diese Erinnerung scheint die Neigung zu haben, eine Generation mit Schweigen übergehen zu wollen.

Annette Pussert Roman beschreibt genau dieses Phänomen - die Weitergabe der Erinnerung von der Großeltern- an die Enkel-Generation.

 

Schnörkellose Sprache

 

Krieg und Vertreibung - große Themen verwandeln sich oft in große, in dickleibige Bücher. Annette Pussert aber gelingt es, ihre Erinnerungsreise in schlanken 156 Seiten zu erzählen - und dies, obwohl sie ihre Geschichte gleich auf drei Zeitebenen spielen lässt.

Denn neben Hannas Reise nach West-Preußen erzählt die Autorin auch von einer Reise der Großmutter, die sich drei Jahrzehnte zuvor ebenfalls aufmachte in ihre Heimat. Und noch eine weitere Ebene fügt Annette Pussert hinzu - anschauliche Bildbeschreibungen, die sie dem Maler Caravaggio widmet - ein dramaturgischer Kniff, mit dem sie demonstrieren will, wie zeitlos die Themen Liebe und Verlust durch die Jahrhunderte hindurch sind.

Knapp gefasst ist der Roman, schnörkellos die Sprache - und schnörkellos, mit leiser Stimme liest die Autorin aus ihrem Werk. Das zwingt zum konzentrierten Zuhören, ermöglicht aber auch die Begegnung mit einer spannend und konzentriert erzählten Geschichte über Vergessen und Verschweigen und über einen Aufbruch in die Zukunft durch die Vergegenwärtigung des Vergangenen.

Ein großes Thema im äußerlich kleinen Buch-Format, das bei vielen Zuhörern die Neugier weckt auf weitere Texte dieser Autorin.

 

Aus dem Leben einer Autorin aus Coburg

 

Annette Pussert wurde 1972 in Coburg geboren, studierte Germanistik und Geschichte in Konstanz, Berlin und Rom. Mit "Nord Nord Ost"  nahm sie an der "Literaturwerkstatt Prosa" des Literarischen Kolloquium Berlin (LCB) teil. Ein Auszug des Romans wurde in der Zeitschrift "Sprache im technischne Zeitalter" (Heft 205)  veröffentlicht. Annette Pussert lebt und arbeitet als freiberufliche Autorin und Online-Redakteurin in Berlin.

 

Buch-Tipp Annette Pussert "Nord Nord Ost", Roman, broschiert, 14,90 Euro, 156 Seiten, Verlag Michason und Mai 2016

Annette Pussert (Foto: Carola Plöchinger)

Lesung mit Annette Pussert

 

Neue Presse Coburg vom 18. Februar 2017

 

REISE IN EINE BESCHWIEGENE ZEIT

 

Annette Pussert stellt in ihrer Heimatstadt Coburg ihren Debüt-Roman "Nord Nord Ost" vor. Er erzählt von einer sehr persönlichen Spurensuche.

 

Von Maja Engelhardt

 

Coburg - Schweigen? Reden? Wie sprechen wir heute miteinander? Ist es vielleicht gar nicht so gut, über alles zu reden? Annette Pussert ist es ein Anliegen, diese Gedanken anzustoßen. "Über was spricht man?" und "Über wie viel?" sind Fragen, die ihr wichtig sind, auch wenn sie nicht allgemein gültig beantwortet werden können. In der Stadtbücherei stellte die gebürtige Vestestädterin am Donnerstag ihren Debütroman "Nord Nord Ost" auf Einladung des Coburger Literaturkreises und der Hausherrin, Brigitte Maisch, vor.

In einer kurzen Lesung mit anschließender Fragerunde nimmt sie ihr zahlreiches Publikum mit in das Leben von Hanna und ihrer aus Westpreußen stammenden Großmutter Auguste. Pussert hat ihr gut 150-seitiges Werk im Tachenbuchformat in drei Ebenen unterteilt: Die von Hanna, die in der Jetzt-Zeit spielt, dann die von Großmutter Auguste mit deren Reise nach Polen in den 1980er-Jahren und dazwischen findet man, irritierend für den Leser und auch für die angeschriebenen Verlage, biblische Beschreibungen über Gemälde von Caravaggio.

Die in Berlin lebende Autorin und studierte Germanistin springt zwischen den Zeiten. Abrupt endet die Schilderung von Hannas Gefühlen und Erlebnissen nach dem Tod der Oma, um übergangslos zurückzublenden in die Zeit, als Auguste noch lebte, Hanna mit ihr Fotos aus dem alten Zigarrenkästchen betrachten konnte, ihre Großmutte Namen und Orte murmeln hörte, die sie sich nicht merken konnte und bei denen sie auch nicht so genau hinhörte. 

Und dann ist sie tot. Nächster Sprung für den Leser: Auguste reist zurück in ihre Heimat, nach Polen, erinnert sich an das Bekleidungskaufhaus, das alte Backsteinhaus, in dem sie die Lehre in der Herrenkonfektion absolvierte, für zwanzig, dreißig und dann vierzig Reichsmark im Jahr, an die Tanztees im Café, an das Rauschen der Wellen an der See und die übermütigen Nachmittage mit ihrer Schwester Jette am Strand. Doch das alte Backsteinhaus steht längst nicht mehr, verschwunden sind die Cafés mit den Tanzparties, nichts ist mehr wie damals, als sie erst den lebenslustigen, doch unsteten Max und dann ihren späteren Mann Ernst kennenlernte. Ihr Sohn Carl ist mit dabei auf dieser Reise in die Heimat und seine Frau Margarete. Mit ihr spricht sie, mit Carl weniger.

Annette Pussert zeigt auf, dass die alte Generation selten mit ihren Kindern über den Krieg und das währenddessen Erlebte gesprochen hat. Man erzählte mehr den Enkeln und öffnete sich ihnen gegenüber. Auch mit ihrem Mann tauschte sich Großmutter Auguste nicht über die furchtbare Zeit aus, obwohl auch ihr schreckliche Dinge passiert sein müssen.

Dem Zuhörer, der das Buch noch nicht gelesen hat, erschließt sich dies nicht. Es sind nur die ersten beiden Kapitel, die Pussert vor der Fragerunde zum Besten gibt, danach folgt als kleines "Bonbon" noch Kapitel sieben, wie alle Teile ohne Titel und nur mit Zahlen durchnummeriert. Doch die Sprache Pusserts faszíniert. Detailliert, mit eingeflochtenen Ausdrücken, wie man sie früher verwendete und zahlreichen Adjektiven versetzt sie ihr Publikum in die Welt der beiden Frauen. Der älteren, deren Geschichte wie ein bunter Film vor dem Auge der Zuhörer entsteht, die fast das Rauschen der Ostsee und das Kichern der Damen beim Tanz hören können. Und dann das Leben von Enkelin Hanna, der Studentin, die das stumme Nebeneinander in ihrer Beziehung kaum mehr ertrug und fast erleichtert war, sich von ihrer Partnerin trennen zu können, die sie monatelang betrogen hatte. In dieser Phase verspürt sie das Bedürfnis, nach Polen zu fahren und die Orte aufzusuchen, in denen ihre Großmutter aufwuchs. Um ihr wieder nahe zu sein?

Die Schriftstellerin, die ihr Abitur am Gymnasium Ernestinum ablegte, möchte in ihrem Buch den Begriff "Heimat" nicht zu stark besetzen. "Es ist mehr die Auseinandersetzung mit einem Ort", erklärt sie und fügt hinzu, das ein Teil von Auguste auf der Geschichte der eigenen Großmutter basiert. Doch sie bietet nicht nur Roman mit Historie verknüpft, sonder kann auch ganz poetisch. "Ich interessiere mich für Fotos und Gemälde, die Themen wiederholen sich hier auf abstrakter Ebene", erläuterte sie zu den kurzen Zwischenkapiteln, die Titel berühmter Gemälde tragen und die so gar nichts mit der restlichen Geschichte zu tun haben - doch dafür umso gefühlvoller ins Ohr gehen, wenn die "Liebe beginnt zu heulen und zu schluchzen. Sie zittert, sie bebt, sie ist einziger Aufruhr. Aber es hilft alles nichts." (über Caravaggios "Amor als Sieger").

 

Annette Pussert: Nord Nord Ost

Verlag michason & may 2016

ISBN: 978-3-86286-050-0

156 Seiten, 14,90 Euro

 

 

von links: Dr. Sabine Friedrich, Schirmherrin, Heidi Daouk, Annika Brondke, Melitta Firu, Cornelia Gibson, Annika Grittner, Thomas Seubold, Foto: Edmund Frey

Forum für junge Autorinnen und Autoren

 

Neue Presse Coburg vom 17. November 2016

 

FORUM FÜR LITERARISCHE NEWCOMER

 

Coburger Literaturkreis und Stadtbücherei fördern Nachwuchs-Autoren. Von der konkreten Poesie bis zum satirischen Schülerroman ist bei "Freistil" alles drin.

 

Von Dieter Ungelenk

 

Coburg - Martin Walser, Tankred Dorst, Monika Maron: Sie alle waren schon beim Coburger Literaturkreis zu Gast. Große Namen der Szene stehen auch weiterhin auf seiner To-Invite-List. Aber es müssen nicht immer Bestsellerautoren sein: Um zu erkunden, welche Schreibtalente vor der eigenen Haustüre im Verborgenen keimen, hat der Verein gemeinsam mit der Stadtbücherei ein neues Format ersonnen: "Freistil", ein Forum für den literarischen Nachwuch jeden Alters. Das Experiment schlug auf Anhieb ein: "Wir könnten diesen Abend vier Mal bestreiten", freut sich Alois Schnitzer, 1. Vorsitzender des Literaturkreises bei der Premiere am Dienstagabend in der gut besuchten Stadtbücherei.

Leicht gefallen war den Juroren die Auswahl nicht, versichert Bücherei-Leiterin Brigitte Maisch, denn das Niveau der eingereichten Texte konnte sich sehen lassen. So entschieden sich die "Freistil"-Macher für eine möglichst bunte Mischung der Stilarten, von der Lyrik bis zum Roman. Und sie zeigte mit ihrer Wahl von fünf Autorinnen und einem Autor zwischen 16 und 68 Jahren, dass kreative Ambitionen in jedem Lebensstadium gedeihen.

Cornelia Gibson findet erst seit ihrer Pensionierung richtig Zeit und Muße, ihre literarische Neigung zu entfalten und zu entwickeln. Mit bemerkenswerten Resultaten, wie "Das grüne Band" beweist: Inspiriert von einer Frankenwaldexkursion kleidet sie ihre Irritation über den Bedeutungswandel des einstigen Todesstreifens zum Biotop mit Nachdenklichkeit und trockenem Humor in eine geschickt aufgebaute und sprachgewandt erzählte Kurzgeschichte.

Keine Scheu vor der großen Form haben die jüngsten "Freistil"-Teilnehmerinnen: Mit gerade mal 16 bzw. 17 Jahren haben Annika Brondke und Heidi Daouk schon ihr Roman-Debüt veröffentlicht, dessen Vorstellung dank der Unterstützung durch ihre Mitschüler Moriz und Daniel zur köstlichen Performance gerät: "Hallo, ich bin dein Genitiv" stürzt den Leser mit süffisantem Humor kopfüber in die Wirren des Schulalltags und in hormongeflutete Seelen schwerst genervter Pubertierender. Vom Streber-Steffen über den desorientierten Gamer bis zum coolen Studienreferendar, an dem sich die Herzen bester Freundinnen scheiden, reicht das Typen-Panoptikum, das die Autorinnen sehr plastisch und vermutlich auch sehr authentisch vorführen.

Was sie als witzig persiflieren, eskaliert bei Annika Grittner zum heiklen Drama: Gefühle, die nicht sein dürfen, entwickeln und verselbständigen sich zwischen Schülerin und Lehrer in ihrem Roman "Nein, es geht nicht". Eindringlich und mit Gespür für intensive Atmosphäre schildert die 21-jährige Lehramtsstudentin das Ringen zwischen Vernunft und Emotion, die Zerrissenheit zwischen Traum und Alptraum.

Die beklemmende und zugleich zuversichtliche Vision entwirft Melitta Firu in ihrer Kurzgeschichte "Milians Hund". Aus der Sicht eines kleinen Jungen erzählt die Nürnbergerin, die in Coburg Wirtschaftssozialarbeit studiert hat, in dichter, klarer Sprache, wie das Unfassbare greifbar wird, wie der Krieg immer näher kommt, und wie der Bub nicht nur Schutz und Trost in seiner Fantasie sucht, sonder sie gegen das Unheil mobilisiert.

Ans Ende des literarischen Capriccios hat die Regie mit Fug den einzigen Herren im Autorinnen-Team platziert, denn der Kulmbacher Thomas Seubold bürgt für einen heiteren Ausklang. Der Ingenieur, Sozialpädagoge, Alltagspoet und "Velosoph" ist ein gewitzter Lautmaler und Sprachakrobat, der das Wort gern hinterfragt und hintergeht. Er springt munter vom Aphorismus zur konkreten Poesie, treibt dadaesken Nonsens und gefällt sich überhaupt als widerborstiger Schalk, dem nichts heilig ist, schon gar nicht religiöse Rituale.

Am Ende der kurzweiligen Talentbörse gabe es Lob und Applaus vom Publikum und einer Kollegin, die den Sprung in den Literaturbetrieb geschafft hat: die Coburger Autorin Sabine Friedrich, die nicht erst mit ihrem Monumentalroman über den Widerstand gegegn Hitler ("Wer wir sind") überregionale Resonanz erfuhr, gab als Schirmherrin der Veranstaltung den Newcomern Tipps für die Verlagssuche und warnte vor unseriösen Anbietern. Zufrieden mit ihren ersten Erfahrungen mit dem "Book on Demand"-System zeigten sich die Jungautorinnen Annika und Heidi. Den Nachteil des für Kleinstauflagen gern genutzten Service, der weder Lektorat noch grafische Gestaltung bietet, nehmen sie in Kauf: "Man muss alles selbst machen."

 

 

Von links: Dr. Sabine Friedrich, Schirmherrin, Heidi Daouk, Annika Brondke, Melitta Firu, Cornelia Gibson, Annika Grittner, Thomas Seubold, Foto: Edmund Frey

Forum für junge Autorinnen und Autoren

 

Coburger Tageblatt vom 18. November

 

Autorenförderung:
VOM GEDICHT BIS ZUM ROMAN

 

Coburg - Am Ende wehte noch ein Hauch von Dada durch das Foyer der Stadtbücherei, als Thomas Seubold,  nach eigenen Angaben „infolge einer notlandung immer noch auf dieser erdkugel festklebend",  seine Gedichte und skurrilen Kurzgeschichten wie etwa den Traum von der Kuh auf Rädern in einer Kirche vortrug. Davor hatten die Zuhörer, die das Foyer beim ersten Forum für angehende Autorinnen und Autoren fast komplett füllten, bereits zwei Kurzgeschichten und zwei Auszüge aus Romanen gehört.
Eingeladen zu diesem Autorenforum unter dem Titel „Freistil“ hatten die Stadtbücherei Coburg und der Coburger Literaturkreis. Ihr gemeinsames Ziel: Menschen, die gerne schreiben, den Weg in die Öffentlichkeit zu erleichtern. Und ihr Aufruf hatte großen Erfolg; man hätte, so Brigitte Maisch, Leiterin der Stadtbücherei, und Alois Schnitzer, Vorsitzender des Literaturkreises, mit den Einsendungen auch vier Abende bestreiten können. So musste man auswählen, wobei man ein möglichst breites Spektrum unterschiedlicher Texte präsentieren wollte.

Das Bestreben war erfolgreich, die Zuhörer erlebten einen abwechslungsreichen Abend. 
Den Auftakt machte Cornelia Gibson mit ihrer Kurzgeschichte „Das grüne Band“, in der sie die Annäherungsversuche eines Mannes an eine ihn interessierende Frau bei einer Wanderung an der ehemaligen Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik schildert. Mit Gibson, 68 Jahre alt, ehemalige zivile Lehrkraft bei der Polizei und erst im Ruhestand zum Schreiben gekommen, wurde auch gleich deutlich, dass es den Initiatoren nicht auf das Alter der Autoren ankam, sondern darauf,  dass sie noch am Beginn einer möglichen schriftstellerischen Laufbahn stehen. 
Auf Gibson folgten mit Annika Brondke und Heidi Daouk, 16 und 17 Jahre alt, die jüngsten Autorinnen an diesem Abend. Die beiden Coburger Schülerinnen stellten – unterstützt von zwei weiteren Schülern – ihren Roman „Hallo, ich bin dein Genitiv“ vor, die Geschichte von Nick und seiner unerwiderten Liebe zu seiner Mitschülerin Nicola, die Nicks besten Freund Benni um einiges interessanter als ihn findet.
Melitta Firu – sie hat in Coburg Wirtschaftssozialarbeit studiert, war währenddessen in der vhs-„Schreibwerkstatt“ von Johannes Schmidt und arbeitet jetzt an der Technischen Hochschule Nürnberg –präsentierte danach ihre phantastische Kurzgeschichte „Milians Hund“ über ein Schattenwesen, das dem Jungen Milian auch in kriegerischen Zeiten zur Seite steht.
Auf Firu folgte mit Annika Grittner wieder eine Romanautorin. Grittner, 21 Jahre alt und Studentin für das Grundschullehramt, las aus „Nein, es geht nicht, und alles, was darauf hinausläuft“, einer Geschichte über eine Lehrer-Schüler-Beziehung.
Den Schlusspunkt setzte dann schließlich mit Thomas Seubold aus Marktgraitz der einzige Mann in der Runde. 
Nach den Lesungen entspann sich noch ein reges Frage-und-Antwort-Spiel mit der Schirmherrin der Veranstaltung, der Coburger Autorin Dr. Sabine Friedrich. Friedrich, für ihr 2012 erschienenes Monumentalwerk „Wer wir sind“ über den deutschen Widerstand gegen Hitler von der Kritik hochgelobt, stellte sich den Fragen der Teilnehmer und gab ihnen Tipps für den Weg in eine schriftstellerische berufliche Tätigkeit.
Am Ende konnten zufriedene Initiatoren auf eine gelungene Premiere von „Freistil“ zurückblicken und ließen erkennen, dass sie sich eine Neuauflage des Autorenforums im nächsten Jahr durchaus vorstellen können.

 

Foto: Gunter Glücklich

Lesung mit Tilmann Lahme

 

Neue Presse Coburg vom 1. Oktober 2016

 

SCHNORRER UND SCHWARZE SCHAFE

 

"Die Manns": Tilmann Lahme erzählt mit Humor und Ironie die Geschichte einer außergewöhnlichen Familie

 

Von Maja Engelhardt

 

Coburg - Sie waren eine sehr besondere Familie, nicht gerade bescheiden noch von geringem Selbstbewusstsein, die durch viele Täler gehen und zahlreiche Schicksalsschläge einstecken musste: Die Manns. In einem von Kritikern hochgelobten 480 Seiten umfassenden Werk machte sich der Historiker, Germanist, Philosoph und Autor Tilmann Lahme auf die Spuren der Familie des berühmten deutschen Schriftstellers Thomas Mann. Auf Einladung des Coburger Literaturkreises präsentierte der geborene Erlanger nun augenzwinkernd, mit viel Humor und Hintergrundwissen dem Coburger Publikum im ausverkauften Hexenturm sein Buch "Die Manns - Geschichte einer Familie" sowie die vor drei Tagen erschienene Sammlung "Die Briefe der Manns - ein Familienporträt", als deren Herausgeber er zusammen mit Kerstin Klein und Holger Pils fungiert.

In einer Mischung aus Lesung, Erzählung und "Fragestunde" brachte er den Schriftsteller, seine Frau Katia, die sechs Kinder Michael, Klaus, Erika, Monika, Golo und Elisabeth, ihr privates und politisches Dasein den Zuhörern nahe. Dass hinter der einflussreichen Familie viel tragisches Geschehen und Unglück steckt, verpackt er in "Die Manns - Geschichte einer Familie" in eine fesselnde, spannende, mit Humor und Ironie versehene Erzählung.

"Man wird ihnen nicht gerecht, wenn man nur über ihre Höhen schreibt", erläutert er, "es geht viel durcheinander in deren Leben." Angefangen bei der Politik, dem Positionieren gegenüber den Nazis, das Thomas Mann, obwohl schon im Exil, noch bis 1936 aus Furcht, in Deutschland seiner Bücher nicht mehr veröffentlichen zu dürfen, hinauszögerte, dem Liebeskummer, von dem immer irgendein Kind betroffen war, Drogen, finanzielle Probleme und mehrere Suizidversuche. Und im Hintergrund eine starke Frau, Katia, die nicht nur ihre Familie zusammenhält und unterstützt, sondern auch ihrem -nicht gerade alltagstauglichen - Ehemann den Rücken freihält: "Er war nicht mal in der Lage, sich einen Tee zu kochen."

Lahme hatte das Glück, dass im Züricher Thomas-Mann-Archiv neue Funde auftauchten. "Tatsächlich 40 Kisten mit 3000 Briefen", die er für seine Recherchen auswertete und teilweise in der Sammlung über die Familien-Korrespendenz zusammenfasste. Tochter Erika wurde in den USA die politisch Engagierte, die sich einen 62-jährigen Lover suchte, der zwar "anstregend, doch eben zu reich zum Verlassen" sei, auch mit finanziellen Problemen kämpft, doch nie ihre Eltern um Geld anbettelt.

Das kann Musiker Michael viel besser. Chronisch pleite: Ein Bugatti musste es schon sein und ein Hund. Und wegen diesem ein größeres Hotelzimmer. Und dann die Tierarztrechnung. Seine "dezenten", handgeschriebenen "Wünsche für Christmess 1938" reichen von mehreren Pullovern, Seiden- und Kosmetikartikeln über Schuhe bis hin zum Geigenkasten. "Bei ihm geht es in jedem Brief um Geld", lacht Tilmann Lahme, doch auf durchaus nette Weise: "Er hat so einen gewissen Schnorrercharme und kann, wie alle Manns ... bestens formulieren."

Lahme nähert sich der Familie an, ganz privat, berichtet vom Drogenkonsum des Sohnes Klaus, der irgendwann keine Perspektiven mehr sieht und sich umbringt; von der gemobbten, faulen Schwester Monika, dem schwarzen Schaf, aber auch vom schon in Arroganz mündenden Selbstbewusstsein der gesamten Familie. "Schließlich schuldete die Welt den Manns ja etwas, Dankbarkeit kommt bei ihnen nicht hoch", schreibt Lahme, weder gegenüber den Mäzenen noch intern.

Im Grunde ist es eine traurige Geschichte mit viel Leid, die ihren Platz auf den Seiten des Buches findet, doch warmherzig und interessant erzählt. Während der kurzweiligen, fast zweistündigen Lesung zeigte Lahme zahlreiche Fotos und Briefe in Original-Handschrift.

 

Foto: Gunter Glücklich

Lesung mit Tilmann Lahme

 

Coburger Tageblatt vom 1. Oktober 2016

 

DER FAMILIE DES ZAUBERERS AUF DER SPUR

 

BEGEGNUNG - Tilmann Lahme stellte beim Coburger Literaturkreis sein Buch über die Manns vor.

 

Von unserem Redaktionsmitglied Jochen Berger

 

Coburg - Für einen Biografen ist die Geschichte dieser Familie ein wahres Geschenk. Diese Geschichte eines zu Ruhm, Ansehen und Nobelpreis-Ehren gelangten Schriftstellers aus einer Lübecker Patrizier- und Kaufmannsfamilie, der eine Tochter aus noch ungleich reicherer Familie geheiratet hat. Die Geschichte von Thomas Mann und seiner Frau Katia, die Geschichte ihrer sechs Kinder, kurz: die Geschichte der Manns - für Tilmann Lahm ist diese Geschichte inzwischen zu einer ganz eigenen Erfolgsgeschichte geworden.

Denn sein dickleibiger Band "Die Briefe der Manns - ein Familienporträt" hat dem früheren FAZ-Feuilleton-Redakteur, der nun Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg lehrt, viel Aufmerksamkeit und lobende Rezension in bundesdeutschen Feuilletons beschert.

 

Unterhaltsam und erhellend

 

Dass sich Literaturgeschichte am Beispiel der Manns tatsächlich ebenso unterhaltsam wie erhellend beschreiben lässt, beweist Lahme bei einer Lesung im Hexenturm auf Einladung des Coburger Literaturkreises. Thomas und Katia Mann und ihre Kinder Elisabeth, Erika, Monika, Klaus, Golo und Michael - ihre Geschichte spiegelt auf ganz spezielle Weise wichtige Aspekte deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Aus zwei geschickt ausgewählten Jahren beleuchtet Lahme diese Rolle der Familie Mann schlaglichtartig vor: 1937 und elf Jahre später 1948. Früh hatte Thomas Mann erkannt, welchen fatalen Weg Deutschland unter dem Regime der Nazis einschlagen würde. Und doch hatte der vielgerühmte Schriftsteller und Nobelpreisträger erstaunlich lange gezögert, diese Ablehnung auch unmissverständlich öffentlich zu äußern - aus Sorge, dadurch im Exil sein "Lese-Volk" in Deutschland endgültig zu verlieren. Das Thomas Mann, der 1921 zu einer Lesung in Coburg weilte, in den USA schließlich doch noch zum Protagonisten des "besseren Deutschland" wurde, ist aus Tilmann Lahmes Sicht nur vor dem Hintergrund seine Familie zu erklären und zu verstehen. Namentlich Tochter Erika habe dem Vater unmissverständlich mit Liebesentzug gedroht, bevor der Autor der "Buddenbrooks" und des "Zauberbergs" schließlich doch 1937 in seinem offenen Brief an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn öffentlich entschieden Position gegen die Nazi-Diktatur bezog.

Das Jahr 1948, drei Jahre nach Kriegsende, das Jahr nach Erscheinen des "Doktor Faustus", zeigt Thomas Mann und die Seinen in Tilmann Lahmes Biografie als eine letztlich heimatlose Familie, die sich in den USA nicht heimisch fühlte, in der verlorenen früheren Heimat Deutschland aber noch immer nicht erwünscht war.

 

Tiefpunkte und Tragödien

 

Reichlich Material bietet die Geschichte dieser erstaunlichen Familie, die auch "eine unglückliche Familie" war, wie Lahme nach dem Studium der rund 2000 erhaltenen Briefe der Manns konstatiert. "Die Briefe sind eine fantastische Quelle", sagt Lahme und betont: "Man wird einer Familie nicht gerecht, wenn man nur über die Höhen schreibt." Denn Tiefpunkte und Tragödien gab es reichlich in dieser Familie - bis hin zum Selbstmord des drogensüchtigen Klaus Mann.

Wer sich so intensiv wie Tilmann Lahme mit der Familie Mann und ihren Briefen beschäftigt, kommt an einem scheinbar banalen Problem nicht vorbei - der Tatsache, dass viele Manns in schwer leserlicher Handschrift geschrieben haben. "Golo Mann hat die schlimmste Handschrift der Familie - die kann man fast gar nicht lesen", sagt Lahme. Golo Manns Handschrift war so schlimm, dass sie selbst der Schreiber Jahre später nicht mehr entziffern konnte und schließlich dazu überging, selbst seine Tagebücher mit der Schreibmaschine zu schreiben - reichlich Tippfehler inbegriffen.    

Cora Chilcott (Foto: Manfred Koch)

Shakespeare-Abend mit Cora Chilcott

 

Neue Presse Coburg vom 11. Juni 2016

 

DES DICHTERS TRAUMGESICHTER

 

Cora Chilcott bringt Shakespeare ins Glasmuseum. Mit seiner Lyrik und Dowlands Songs berührt sie ihr Publikum tief.

 

Von Christine Wagner

 

Rödental - Federkiel und Siegellack, Zinnbecher, Laterne, ein Spiegel. Schminkutensilien. Ein Tisch, ein Stuhl. Mehr Requisiten braucht Cora Chilcott nicht, um ihr Publikum in den Bann zu ziehen. Bereits zum wiederholten Mal war sie beim Coburger Literaturkreis zu Gast, und die zahlreichen Besucher im Rödentaler Glasmuseum zeigten, dass die Schauspielerin inzwischen viele Fans in der Region hat. Museumsleiter Dr. Sven Hauschke erinnerte denn in seiner Begrüßung auch an Chilcotts Besuch vor knapp drei Jahren, als sie in der Rosenau eine unter die Haut gehende Interpretation des Büchner-Textes "Lenz" vorstellte.

Diesmal war Chilcott mit einem Shakespeare-Programm ins Coburger Land gekommen. Wie lebendig Shakespeare bis heute geblieben ist, zeigt laut Literaturkreis-Vorsitzendem Alois Schnitzer die Tatsache, dass der Spiegel am 23. April, dem 400. Todestag des Dichters, seine Titelgeschichte dem Autor widmete.

"Nachtheller Tag, du bist mein Traumgesicht!": Unter diesem Titel vereint Chilcott Sonette und Dramenauszüge von Shakespeare mit Songs seines Zeitgenossen John Dowland. 154 Sonette Shakespeares sind bekannt, wobei 126 davon an einen jungen Mann gerichtet sind. Die restlichen sind einer schwarzhaarigen Schönheit, einer dunklen Dame gewidmet.

Ob das "lyrische Ich" in den Gedichten Shakespeare selber ist: wer weiß? Cora Chilcott jedenfalls erscheint als Dichter im weißen, bodenlangen Nachtgewand mit kleiner Laterne in der Hand auf der Bühne im Glasmuseum, und von diesem Moment an hat sie ihr Publikum im Griff. Mit großer Intensität spricht und spielt sie die Texte. Ihr Shakespeare fleht und wütet, schwärmt und beschwört. Und er dichtet, sitzt am Tischchen, die Schreibfeder in der Hand.Lauscht den gesprochenen Worten nach, betont sie neu, anders. Schreibt sie nieder. Alles fließt und geht harmonisch ineinander über in Cora Chilcotts Shakespeare-Collage.

Während sie noch ein Sonett deklamiert, schminkt sie ihr Gesicht: halb Frau, halb Mann. Anschließend ist sie Julia - und auch Romeo. Und im Laufe des Abends wird sie zum schwarz-grimmigen, von Eifersucht zerfressenen Othello. Sie ist der bucklige, missgestaltete Gloster aus "Richard III.", die irre, blutrünstige Lady Macbeth und zum Schluss Hamlet: "Sein oder Nichtsein" - keine Shakespeare-Reverenz ohne diesen Monolog.

Eingeflochten in die Shakespeare-Texte sind einige Lieder von John Dowland (1563 - 1626), dem berühmtesten Komponisten des elisabethanischen Zeitalters. Der Dichter schätzte den Lautenvirtuosen sehr. 1599 schrieb er: "Du freust dich Dowlands, dessen Cither innig das Herz bezaubernd, es in Wonne taucht." Cora Chilcott interpretiert diese Songs sehr persönlich, berührend.

Am Ende des gut einstündigen Programms gibt es begeisterten, herzlichen Applaus für die Künstlerin, die ihr Publikum ermuntert, Shakespeares Texte zu lesen: "Die Texte haben es in sich!" Und sie tröstet, dass es normal sei, beim ersten Hören nicht alles zu verstehen, denn die verwendeten Allegorien bezögen sich noch auf die Bildsprache des Mittelalters, die uns Heutigen weitgehend fremd sei.

Doch in Cora Chilcotts tief berührender, unter die Haut gehender Interpretation zeigt sich nicht nur die unvergängliche Schönheit dieser Lyrik, sondern sie wird Herz und Gemüt so nahe gebracht, dass sich das meiste von selbst versteht.

Cora Chilcott (Foto: Manfred Koch)

Shakespeare-Abend mit Cora Chilcott

 

Coburger Tageblatt vom 11. Juni 2016

 

Literaturkreis

SHAKESPEARES LIEBESTYRANNEI LÄSST NIEMALS LOS

 

Von unserem Redaktionsmitglied Carolin Herrmann

 

Coburg - Shakespeare for ever. In seinem 400. Todesjahr besonders. Zum Shakespeare-Abend hatte der Coburger Literaturkreis am Donnerstag die renommierte Schauspielerin Cora Chilcott eingeladen. Sie hatte in Coburg schon mit einem Büchner- und einem Brecht/Weill-Programm für Begeisterung gesorgt. Jetzt kam sie mit ihrem von der deutschen Shakespeare-Gesellschaft und der Klassik Stiftung Weimar beauftragten Programm gerade recht:

Schon der Titel "Nachtheller Tag, du bist mein Traumgesicht!" vergegenwärtigt die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Poesie Shakespeares, die bis heute die Geister herausfordert. Manchmal ergeht es dem Zuhörer/Zuschauer/Leser allerdings wie den Motten, die das Licht umschwärmen. Und sich daran verbrennen. Was dem Licht nichts von seiner Faszination nimmt. -

Macht Euch nichts draus, sagte die faszinierende Schauspielerin nach ihrem gut einstündigen, suggestiven Vortrag im gut besuchten Glasmuseum in Rödental tröstend. Shakespeares Bilde seien noch nahe am Mittelalterlichen. Sie habe zudem bewusst eine alte Übersetzung gewählt. Die neueren seien ihr "zu normal und zu heutig". Sie wollte ja nicht die Alltäglichkeit des Dichters vorführen, sondern die Schönheit der Sprache Shakespeares.

 

Wunderschön

 

Cora Chilcott hatte eine Auswahl an Sonetten und Textpassagen von "Romeo und Julia" über Othello und Macbeth bis zu "Hamlet" zu einer Szenerie verwoben, die zwischen philosophischen Überlegungen, Gefühls- und Seelenauslotung, poetischem Nachsinnen und Spracherkundung wandelte, mehr und mehr zur Traumszenerie werdend, in der uns ja auch selten alles klar wird.

Halt bot Cora Chilcott bei Verwandlung auf offener Bühne am Schmink- und Schreibtisch mit ihrer darstellerischen Präsenz und immer wieder mit Vertonungen von John Dowland. Gerade mit denen entführte sie mit abgedunkelter Stimme, sensibler Ausformung und souveräner Klangkraft, ohne jede instrumentelle Begleitung. Wunderschön.

So spürten wir mit Cora Chilcott der Wesenheit des Lebens nach, das ein Märchen ist von einem Dummkopf, voller Klang und Wut und nichts bedeutet, zwischen Wintern des Missvergnügens, wandelnden Schattenbildern, in der Schlaflosigkeit der Sehnsucht, der Liebestyrannei, von Erkenntnis und Enttäuschung.

Die Darstellerin im langen weißen Hemd und mit gestricheltem Bärtchen im Gesicht, ein Shakespeare-Geist selbst ganz sicherlich, agierte vor großer Abendkulisse hinter der hohen Glasfassade des Museums in der Rosenau. Krähen zogen im Gegenlicht immer wieder dramatisch in den gewölkten Himmel hoch. Shakespeare bleibt ein lockendes Geheimnis.

Die Rückert-Biografie von Dr. Wolfgang Weyers

Lesung mit Dr. Wolfgang Weyers

 

Neue Presse Coburg vom 18. März 2016

 

RÜCKERT, DER TOD UND DER FUSSBALL

 

Wolfgang Weyers hat die Lebensspuren des Dichters erkundet. In der Coburger Ehrenburg stellt er seine Biografie über den "großen Zauberer vor.

 

Von Cornelia Stegner

 

Coburg - Mit einem so großen Interesse hatten die Organisatoren gar nicht gerechnet. Kurz vor Beginn müssen noch Stühle gerückt und Sitzplätze organisiert werden. Der Coburger Literaturkreis und die Landesbibliothek hatten eingeladen, sich mit Dr. Wolfgang Weyers auf die Lebensspuren Friedrich Rückerts zu begeben, die der Autor, Dozent, Mediziner und ehemalige Sportreporter in einer opulenten Biografie mit dem Titel "Der große Zauberer" zusammengestellt hat.

"Mit Coburg hatte ich nichts am Hut", erklärt der Autor seine Beweggründe zur Auseinandersetzung mit Friedrich Rückert, vielmehr habe den Kölner ein kleines Heft mit Gedichten auf den heute im Vergleich zu anderen deutschen Dichtern des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger in Vergessenheit geratenen Rückert neugierig gemacht.

"Und wenn der Freund dich kränkt, verzeih's ihm und versteh: Es ist ihm selbst nicht wohl, sonst tät er dir nicht weh", die Zeilen wirft Weyers mit dem Beamer an die Wand, rezitiert sie und gibt zu: "Das hat mir gefallen!" Humorvoll weist der ehemalige Sportreporter auch auf einen von ihm kurzerhand zum Fußball-Bonmot umgemünzten Rückert-Vers hin: "Wenn ihr euch helfen wollt, müsst ihr einander helfen, zusammengestellt, wird Eins und Eins zu Elfen."

Vor 150 Jahren verstarb der Orientalist und Lyriker Friedrich Rückert in Neuses bei Coburg, und es ist ebenfalls der Tod, der an diesem Abend im Andromedasaal von Schloss Ehrenburg den Ton angeben wird. Rückert, der zeitlebens über alles Gesehene und und Gefühlte reflektierte und der Nachwelt rund 20 000 Gedichte hinterlassen hat, regte viele Komponisten zur Vertonung seiner Lyrik an. So liegt es nahe, dass zu diesem Anlass die bekannteste musikalische Annäherung an Rückert zu Gehör kommt: die "Kindertodtenlieder" von Gustav Mahler.

 

Abgrund der Trauer

 

"Nun will die Sonn' so hell aufgehn, als sei kein Unglück die Nacht geschehn!" - es sind zunächst Veronika Patterer (Gesang) und Diana Kohrabyan (Klavier), beides Musikerinnen am Landestheater, die die Zuhörer an diesem Abend quasi aus dem Stand abholen in den tiefen Abgrund, der sich für Friedrich Rückert nach dem Tod seiner beiden Kinder Luise und Enst aufgetan hatte.

Mit den "Kindertodtenliedern" setzt sich auch Autor Wolfgang Weyers im ersten Teil seiner Lesung ausführlich auseinander - ein Kontrastprogramm zur heiteren Vorstellungsrunde. Weyers beschreibt, wie Friedrich Rückert den langen und schweren Abschied von seinen Kindern bewältigt, indem er seine Gefühlswelt und Beobachtungen in lyrische Form bringt. Diese Umsetzung von Klage in Kunst sei, so Weyers, in solchem Ausmaß einzigartig in der Weltliteratur. Die Stadieneinteilung der Trauerprozesse in der modernen Psychoogie: Friedrich Rückert hat sie in seinen "Kindertodtenliedern" bereits manifestiert und ging, wie Wolfgang Weyers betont, gestärkt aus seiner schwersten Lebenskrise hervor.

"Können Sie noch?" fragt Wolfgang Weyers nicht ohne Grund sein Publikum. Im zweiten Teil des langen Rückert-Abends führt der Autor die Beschäftigung Rückerts mit seiner eigenen Endlichkeit vor, den er grundsätzlich als glücklichen, wenn auch "emotional nicht ganz stabilen" Menschen beschreibt, der zuweilen auch gegen Depressionen anschreiben musste. In seinen letzten Lebensjahren lebte der Dichter und Orientalist zurückgezogen und beschäftigte sich mit der "Unendlichkeit im Kleinen", wie es Weyers ausdrückt.

Friedrich Rückert sei zufrieden gewesen mit seinem schöpferischen Leben, und auch wenn er selbst nicht immer dem eigenen Anspruch habe gerecht werden können, so habe er sich doch als sinnvollen Teil eines übergeordneten Ganzen wahrgenommen, bevor er am 31. Januar 1866 auf dem Gut Neuses starb. Mit einem von Gustav Mahler vertonten, von Veronika Patterer und Diana Zohrabyan beeindruckend interpretierten "Ich bin der Welt abhanden gekommen" endet nach zweieinhalb Stuneden ein langer Rückert-Abend voller Lyrik und den ebenso kurzweilig-verständlichen und einfühlsamen Gedanken des Autors Wolfgang Weyers. 

Dr. Wolfgang Weyers

Lesung mit Dr. Wolfgang Weyers

 

Coburger Tageblatt vom 17. März 2016

 

Lesung

FRIEDRICH RÜCKERT ALS GROSSER LYRIKER: DES LEBENS LEIDEN SELBST IN TAT VERWANDELN

 

Von unserem Redaktionsmitglied Carolin Herrmann

 

Coburg - Friedrich Rückert kann einen ärgern. Man hört irgendwo in einer Vertonung durch einen der angeblich über 800 Komponisten, die auf Rückert zugriffen, einen Satz von Ehrfurcht gebietender Klarheit, Wahrheit und Schönheit. Dann will man mal nachgucken, fängt an zu lesen und stößt kilometerweit auf geschickte Reimereien - über Alltäglichkeiten. Dazwischen aber immer wieder lyrische Monumente. Oder Winzigkeiten von unglaublicher Strahlkraft. Dann wieder lesen, lesen, lesen, denn der "Coburger" Dichter (geboren 1788 in Schweinfurt), der von 1819 bis zu seinem Tod 1866 in Neuses lebte, war unvorstellbar produktiv. Da stehen wir dann, wir armen Toren, im Rückert-Jahr 2016, das an seinem 150. Todestag am 31. Januar eingeleitet wurde mit der Rückert-Preis-Vergabe der Stadt Coburg, angelockt und abgeschreckt zugleich, und sollten uns doch in besonderem Maße verbunden fühlen. - Uns soll heuer geholfen werden. Uns kann geholfen werden.

 

Schimmel-Biografie neu

 

Als Orientalisten und Übersetzer aus mindestens 44 Sprachen wieder an seinen rechtmäßigen Platz geholt hat den doch weit Vergessenen, der zu Lebzeiten zu den bedeutendsten Dichtern Deutschlands gehörte, die große Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel (1922 - 2003). Im Wallstein Verlag kam jetzt eine Neuauflage von Schimmels Lebensbild und Einführung in sein Werk heraus. Die ist in ihrer komprimierten Form hilfreich zu Lebensgang und Wirken.

Doch jetzt ist zudem etwas Erstaunliches geschehen: Kein Literaturwissenschaftler, ein Mediziner, ein Dermatologe hat ein ziemlich verblüffendes, 530 Seiten im Kleindruck starkes Buch über den Lyriker Friedrich Rückert herausgebracht. Der Coburger Literaturkreis und die Landesbibliothek stellten Wolfgang Weyers und sein Werk "Der große Zauberer" am Dienstag im übervollen Andromedasaal der Ehrenburg vor. Das Interesse war sehr groß.

Die Leiterin der Landesbibliothek, Silvia Pfister, und der Vorsitzende des Literaturkreises, Alois Schnitzer, verwiesen auf den "Zauber" gerade dieses Ortes. Denn es dürfte die bedeutende herzogliche Hof- und Staatsbibliothek, die bis ins 16. Jahrhuindert zurückreicht, gewesen sein, die Rückert nach Coburg gezogen hat.

An erster Stelle nun also der Lyriker Friedrich Rückert, nicht der Orientalist. Weyers, ein quickiger Kerl mit starker Stimme, liest Rückerts Gedichte eindrucksvoll und bringt sie so erst nahe, wo man über Rückerts manchmal eigenwillige Kehrungen und Wendungen ohne Verständnis hinweglesen würde.

 

Leben lernen mit Rückert

 

Weyers' thematisch fortschreitendes Kompendium lebt aus dem Ineinander von Rückerts Gedichten und Weyers' Informationen und Interpretationen, die präzise, konzentriert und hilfreich einordnend sind.

Über all das hinaus aber ist dieses Buch einem Menschen auf der Spur, der herausragend, ein Sprachgenie, war, in seiner Dichtung aber gleichzeitig den allgemeinen menschlichen Lebensgang erfasste und sprachlich so schön bündelte und widerspiegelte, dass er zeitlos tief berührt.

Der Schatz Rückert war bisher das Verhängnis. Denn Rückert erfasste die Welt fast ausschließlich poetisch; er wollte und konnte fast alles poetisch sagen, eben auch Banales. Das zu lesen amüsiert heute oder es nervt, je nach Geduldszustand. Weyers aber ermöglichte es, aus dieser Überfülle Rückerts Leben herauszulesen.

Der intensive und lange Vortragsabend in der Ehrenburg konzentrierte sich auf die Kindertotenlieder, mit denen Rückert die schwerste Krise seines Lebens nach dem Tod zweier seiner Kinder bewältigte, und anschließend auf Rückerts überlegenen Abschied vom Leben. Wir erlebten also den reifen, den weiser werdenden Rückert. "Es ist der Tod des Lebens Kern, als wie die Frucht der Kern der Blüte." Das aber muss man erst mal kapieren.

Dass Rückert aus der lebenslangen poetischen Selbstreflexion, aus dem Persönlichen, beispielgebend und klar eingängig das für jedes Leben Gültige herauszog und mit der Macht seiner Sprache band, das vermittelt Weyers in seiner Rückert-Schatztruhe. Die ist zudem auch noch mit zwei CDs versehen, auf denen das Plattenlabel Naxos aus seinem reichen Reservoir an Einspielungen von Rückert-Liedern schöpfte.

Fülle des Lebens und der Kunst: Die herausragende Veranstaltung in der Ehrenburg wurde zudem auch noch musikalisch überhöht: Veronika Patterer sang mit dramatischer Ausdruckskraft und fließendem Empfindungsreichtum Mahlers Vertonungen der Kindertotenlieder, sensibel und innerlich begleitet von Diana Kohrabyan am Flügel. Bis hin zu "Ich bin der Welt abhanden gekommen". Doch tatsächlich weist Rückert den Weg, wie Welt und Leben zu bewältigen sind.

 

Wolfgang Weyers: Der große Zauberer. Leben und Lieder von Friedrich Rückert. Rombach Verlag Freiburg i. Br./Berlin, 528 Seiten, 28 Euro. Mit zwei CDs und reizvollen grafischen Interpretationen von Rückert-Porträts durch Harald Herrmann.

 

Annemarie Schimmel: Friedrich Rückert. Lebensbild und Einführung in sein Werk. Herausgegeben von Rudolf Kreutner. Wallstein Verlag Göttingen, 158 Seiten, 16,90 Euro.

 

Der Autor

Wolfgang Weyers, geboren 1958 in Köln, ist Dozent für Dermatologie an der Universität in Freiburg. Ehe er sich der Medizin zuwandte, war er lange Zeit Reporter bei der ARD. Er ist Verfasser mehrerer Bücher über Medizingeschichte.

 

Vortrag von Dr. Friederike Schmöe

 

Neue Presse vom 21. November 2015

 

SPANNUNG ALLEIN GENÜGT NICHT

 

Friederike Schmöe bricht eine Lanze für den Krimi. In der Coburger Polizeiinspektion erklärt sie den großen Erfolg und das anrüchige Image ihres Genres.

 

Von Maja Engelhardt

 

Coburg - Leicht schmunzelnd und ein wenig verschämt gibt Alois Schnitzer, Vorsitzender des Coburger Literaturkreises, zu, im vergangenen Urlaub doch tatsächlich ein paar Krimis gelesen zu haben. Um sich gleich darauf irritiert die Frage zu stellen, warum er sich denn dafür schämte, auch diese Art Literatur zu mögen.

Ist der Krimi keine gute Literatur? Warum hatte er, wie viele andere Menschen auch, das Gefühl, sich fürs Krimilesen entschuldigen zu müssen? Um dem nachzugehen, holte sich der Literaturkreis eine Expertin ins Haus: Die in Bamberg lebende und aus Coburg stammende Kriminalautorin Dr. Friederike Schmöe folgte der Einladung und hielt in den Räumen der Coburger Polizeiinspektion am Donnerstag Abend einen Vortrag zum Thema "Schmuddelkind Krimi - ist Suspense ehrenrührig?"

Sympathisch, mit Witz, Humor und vielen Zitaten machte sie sich auf den Weg, ihren "Berufsstand zu verteidigen". Den Einstieg bildeten Worte des englischen Dramatikers W. Somerset Maugham, der die Frage stellte: "Was lese ich nach einem harten Arbeitstag? Krieg und Frieden? Auf der Suche nach der verlorenen Zeit? Moderne Literatur? Nein, ich wähle einen Krimi."

Was treibt nun Millionen Leser dazu, einen Krimi aus dem Regal zu ziehen und die Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben? Für Schmöe ist ein wichtiger Aspekt die "Suspense" oder Spannung. Sicher besitze jedes Buch einen Spannungsbogen, doch im Krimi lasse sich dieser perfektionieren. Opfer, Verbrecher, der Leser wird hineingenommen in eine rhythmische Dynamik rund um Spannung und Lösung, möchte eingreifen, wartet darauf, dass "es" passiert, sich etwas auflöst, wird enttäuscht, liest weiter und wartet wieder.

Doch genügt die geschickt aufgebaute Spannung, die die Linguistin und Dozentin als Handwerk beschreibt, um einen guten Krimi zu machen?

Schmöe ist der Meinung, dass nur wegen eines bestimmten Themas und der Suspense niemand ein Buch liest. Dazu gehöre viel mehr, vor allem ein guter Text. "Der Autor hat nur die Sprache, Wörter, Grammatik. Ich habe Respekt vor gutem Text", erläutert sie und erklärt, dass es wichtig sei, Gefühle in dem Leser zu wecken, ihn emotional mitzunehmen.

Die Autorin sieht in der deutschsprachigen Literaturlandschaft eine tiefe Spaltung zwischen sogenannter E- und U-Literatur (ernster und Unterhaltungsliteratur), ein Schubladendenken."Dabei ist Literatur sehr vielfältig, diese verächtliche Tonfall zwischen 'E' und 'U' sollte abgeschafft werden." Während in Großbritannien Krimiautoren einen ganz anderen Ruf genössen, habe sie in Deutschland nicht so positve Erfahrungen gemacht: "Es ist manchmal fast peinlich zu sagen, dass ich Krimis schreibe. Viele ziehen sich dann sofort, zumindest gedanklich, zurück."

Auch Verlage bildeten eine große Hürde für den Autor: "Sie fordern ein bestimmtes Themenfeld ein, das sich an Verkäuflichkeit orientiert. Oft schreibt man nur Trends hinterher.Man sollte sich schon fragen: Geht es darum, Kunst zu produzieren oder nur eine Ware, die sich verkauft?"

Gute Verlegerpersönlichkeiten mit Risikobereitschaft gebe es immer weniger. Die Angst vor schlechten Verkaufszahlen steht heute im Vordergrund." Doch Krimiautoren seien gut organisiert, "wir treffen uns regelmäßíg und halten zusammen". 

Lesung mit Klaus Modick

 

Neue Presse vom 22. Oktober 2015

 

WARUM RILKE NICHT IM BILD IST

 

Autor Klaus Modick stellt beim Literaturkreis seinen Roman "Konzert ohne Dichter" vor. Darin kratzt er am Mythos der Künstlerkolonie Worpswede. Die Zuschauer haben viel Spaß.

 

Von Cornelia Stegner

 

Coburg – Heinrich Vogelers berühmtes Worpswede-Bild zeigt einen sommerlichen Konzertabend vor dem Barkenhoff, wo sich der erfolgreiche Jugendstilkünstler ein durchgestaltetes Refugium geschaffen hatte. Alle sind da: Paula Modersohn-Becker mit ihren Freundinnen Agnes Wulf und Clara Rilke-Westhoff; hinter ihnen steht der Maler Otto Modersohn. Sie lauschen den Musizierenden: dem Flötisten Martin Schröder, dem Geiger Franz Vogeler und Heinrich Vogeler am Cello. In der Bildmitte des monumental-symmetrischen Gemäldes: Martha Vogeler, die Frau des Malers mit dem russischen Windhund Karla. Gemalt hat es Vogeler 1905. Das Gemälde wird in Oldenburg in der Nordwestdeutschen Kunstausstellung gezeigt, wo der Maler mit der Großen Medaille für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet wird. „Das Konzert“ gilt als Krönung seiner ersten Schaffensperiode.
Nicht auf dem Bild zu sehen ist der Dichter Rainer Maria Rilke, der doch seit 1898 mit zur Barkenhoff-Familie gehörte. Rilkes Gedicht „Licht ist sein Loos / ist der Herr nur das Herz und die Hand / des Bau’s mit den Linden im Land / wird auch sein Haus / schattig und groß“, das er zum Weihnachtsfest 1898 geschrieben hatte, ließ Heinrich Vogeler als Haussegen in die Eingangstür des Barkenhoffs einkerben. Die drei Paare Rilke, Modersohn und Vogeler heirateten im Jahr 1901. Was war geschehen, dass der Maler Rilke nicht auf dem Bild verewigte?
Dieser Frage geht der Germanist und Romancier Klaus Modick in seinem Bestseller „Konzert ohne Dichter“ nach. Auf Einladung des Coburger Literaturkreis e. V. versetzt er, den „genius loci“ des Coburger Kunstvereins nutzend, mit seiner Lesung viele aufmerksame Zuhörer in die Zeit um 1900, in die berühmte Künstlerkolonie im Norden. Der Autor entspinnt seine „chronique scandaleuse“ um die fragile Freundschaft von Heinrich Vogeler zu Rainer Maria Rilke. Manchem Mythos, allen voran Rilke, hält Modick in seiner Fiktion mit Hintersinn den Spiegel vor.
Für seine Coburger Lesung wählt Klaus Modick zuerst jene Passage, in der Rilke, den Vogeler einige Jahre zuvor in Italien kennengelernt hatte, zum ersten Mal in dessen vornehmen Bremer Patriziervilla zu Gast ist. Gediegene Großbürgerlichkeit zum Weihnachtsfest ist angesagt, und Rilke, angetan mit einer weinroten Krawatte „als Ausdruck seines Künstlertums“ (Modick) sitzt neben Vogelers Schwester Henny, die den Dichter anhimmelt, und einer ebenso korpulenten wie schwerhörigen Tante aus Schwanewede. Rilke, der sich durch den freiwilligen Verzicht auf Fleisch und Alkohol argwöhnischen Blicken und der Frage „Sie sind wohl Temperenzler, Herr Rilke?“ (Angehöriger einer Abstinenzbewegung) ausgesetzt sieht, schlägt sich wacker, deklamiert schließlich ein Gedicht aus einem schmalen Bändchen mit dem Titel „Advent“, welches er als Geschenk mitgebracht hat. „Man war durchaus ergriffen!“, setzt Modick der unfreiwillig komischen Szene noch eines oben drauf.
Rilke, sich selbst „unter vorbehaltlosen Genieverdacht“ stellend, ist danach zu Gast im Barkenhoff. Als er versehentlich die Teetasse fallen lässt, legt der Autor Rilke „Die Dinge des Alltags sträuben sich gegen den Umgang mit mir!“ in den Mund. Mit unzähligen feinen Strichen (und Stichen) zeichnet Klaus Modick ein Bild jener Tage, in der sich Künstlertum zwischen rauschhafter Verklärung der Natur und des Künstlerseins selbst einerseits und dem Streben nach Erfolg – auch materiellem – andererseits bewegt. 

Nicht zuletzt geht es um das Künstlerleben: Steht die Kunst für Künstler über allem? Darf der Künstler ausschließlich seinem Innern folgen und dabei Menschen, die ihm nahestehen, verletzen? Was passiert, wenn sich befreundete und ehemals gleichgesinnte Menschen auseinanderleben?
Klar wird dies: Es menschelt. In der letzten Passage, die Klaus Modick aussucht, trifft man sich zu einer der legendären Abendgesellschaften auf dem Barkenhoff. Rilke sitzt zwischen Clara Westhoff und Paula Becker, die ihn beide anhimmeln. Martha Vogeler drapiert Hortensien. Es ist jener Septemberabend, den Heinrich Vogeler vier Jahre später malen sollte. Nach dem Konzert spricht die Künstlergesellschaft im Weißen Salon dem Wein zu, der Abend gerät etwas aus den Fugen und – Skandal! – Rilke verschwindet mit Clara Westhoff und (!) Paula Becker.
Autor Modick verleiht seinen Figuren zusätzliches Leben: spricht das Plattdeutsch der Dorfbewohner, lallt mit dem betrunkenen Carl Hauptmann, rezitiert vergeistigt mit Rilke. Ein Abend, der Lust gemacht hat, in die Welt von Worpswede und in die narrative Welt von Klaus Modick einzutauchen. Nicht zuletzt, weil hier an so manchem Mythos humorvoll gekratzt wird, ohne den Zauber, der bis heute von jener Zeit ausgeht, komplett zu zerstören.

 

Klaus Modick
Klaus Modick, geboren 1951, studierte Germanistik, Geschichte und Pädagogik. Seit 1984 ist er freier Schriftsteller und Übersetzer. Er lebt nach zahlreichen Auslandsaufenthalten heute wieder in seiner Geburtsstadt Oldenburg. Für sein umfangreiches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Bettinavon-Arnim-Preis und der Nicolas-Born-Preis. Zu seinen erfolgreichsten Romanen zählen „Sunset“ (2010), „Der kretische Gast“ (2003) und „Vierundzwanzig Türen“ (2000).

 

 

Coburger Tageblatt vom 21. Oktober 2015

 

ZERBROCHENE KÜNSTLERFREUNDSCHAFT

LESUNG - Dichtung oder Wahrheit? In seinem Roman "Konzert ohne Dichter" erweckt Klaus Modick ein ganz besonderes Kapitel in der Geschichte der Künstlerkolonie Worpswede zu neuem Leben. Auf Einladung des Literaturkreises stellt er seinen Bestseller in Coburg vor.

 

Von unserem Redaktionsmitglied Jochen Berger

 

Coburg - Sanfter Hauch der Vergangenheit. Wach geküsst vom Zauberwort des Dichters. Erweckt zu neuem Leben, das längst Geschichte geworden und irgendwie doch erdichtet ist. Worpswede – schon der bloße Klang lässt Bilder vor dem geistigen Auge Gestalt annehmen. Worpswede, jene legendäre Künstlerkolonie inmitten der Moorlandschaft Niedersachsens, liefert die Kulisse für den neuen Roman von Klaus Modick, der diesem wochenlang prominente Platzierungen in den Bestseller-Listen bescherte: „Konzert ohne Dichter“.
Was aber reimt sich auf Bestseller-Autor? Natürlich Lesereise. Und so sitzt Klaus Modick am Montag, eingeladen vom Coburger Literaturkreis, im Vortragssaal des Kunstvereins auf dem Podium.


Der junge Rainer Maria Rilke


Ein letzter Griff noch zur Lesebrille, dann beginnt Modick seine Zeitreise, die mitten hinein führt in die spannungsvolle Beziehungswelt der Künstlerkolonie Worpswede an der Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts. Hier trifft der junge, noch kaum bekannte Rainer Maria Rilke auf den längst arrivierten, vielseitig begabten Maler, Zeichner und Buchillustrator Heinrich Vogeler, auf Otto Modersohn und dessen spätere Frau Paula Becker, auf Fritz Mackensen und die Bildhauerin Clara Westhoff, die Rilke 1901 heiraten wird.
Noch wartet Rilke auf den großen literarischen Durchbruch, doch sein Selbstbewusstsein ist schon in frühen Jahren unerschütterlich und beschert ihm reichlich Aufmerksamkeit bei den Frauen – ihm, der rein äußerlich kaum das Etikett Adonis für sich in Anspruch nehmen kann.


Poetische Wirklichkeit


Doch Rilke zieht sie alle in Bann – die Frauen und die Künstlerfreunde in Worpswede. 

Der Erzähler als „raunender Beschwörer des Imperfekts“ – diese Formel Thomas Manns scheint wie gemacht für Klaus Modick und seinen Worpswede-Roman. Im Wunderreich zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen historisch belegbaren Fakten und der Freiheit der poetischen Wirklichkeit erzählt Modicks Bestseller die Geschichte einer prekären Künstlerfreundschaft und einer als skandalös apostrophierten Dreiecksgeschichte.

Klaus Modicks „Konzert ohne Dichter“ ist kein Buch der lauten Akzente, sondern der leisen Zwischentöne. Und genau diese leisen Töne trifft Modick in seiner Rolle als Rezitator. Denn anders als mancher Autoren-Kollege ist Klaus Modick ein jederzeit souveräner Interpret in eigener Sache. Mit weicher Stimme und präziser Diktion erweckt er seinen Roman zum Leben und zieht seine Zuhörer im Kunstverein unwiderstehlich hinein in diese Geschichte um Kunst und Künstler, um Frauen und zerbrochene Freundschaften.

 

Aus dem Leben des Schriftstellers

 

Klaus Modick geboren 1951, studierte in Hamburg Germanistik, Geschichte und Pädagogik, promovierte über Lion Feuchtwanger und arbeitete als Lehrbeauftragter und Werbetexter. Seit 1984 ist er freier Schriftsteller und Übersetzer und lebt nach vielen Auslandsaufenthalten und Dozenturen wieder in seiner Geburtsstadt Oldenburg. Für sein umfangreiches Werk wurde er mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter den Nicolas-Born-Preis und den Bettina-von-Arnim-Preis. Zudem war er Stipendiat der Villa Massimo. Zu seinen erfolgreichsten Romanen zählen „Sunset“ (2011), „Der kretische Gast“ (2003), „Vierundzwanzig Türen“ (2000) und „Konzert ohne Dichter“ (2015).

Buch-Tipp Klaus Modick: „Konzert ohne Dichter“, 240 Seiten, gebunden, 17,99 Euro

 

 

 

Blues&Kusz - ein musikalisch-poetisches Klangerlebnis

 

Coburger Tageblatt vom 9. Februar 2015

 

HYMNE AUF DIE FRÄNKISCHE MELANCHOLIE

 

AUFTRITT - Der Mundart-Dichter Fitzgerald Kusz und der Gitarrist Klaus Brandl haben den Blues im Blut und bescheren dem Literaturkreis Coburg einen außergewöhnlichen musikalisch-literarischen Abend.

 

Von unserem Redaktionsmitglied Jochen Berger

 

Coburg - Die Welt ist schlecht. Und weil das so ist, fühlt sich der Franke in der Welt daheim. Denn wenn der Franke klagen und schimpfen kann, blüht seine Sprache so richtig auf. Der illusionslose Blick auf die Welt ist des Franken Spezialität.

In lapidaren Sätzen die Welt in Worte fassen - das ist die Kunst von Fitzgerald Kusz. Unermüdlich kitzelt der gelegentlich mit Emphase zum "Dichter der Franken" gekürte Kusz grummelnd die heimliche Poesie der Wirklichkeit heraus. "Blues&Kusz" - so lapidar annonciert der Coburger Literaturkreis einen musikalisch-literarischen Abend mit Fitzgerald Kusz und dem Gitarristen Klaus Brandl.

Kusz und Brandl - zwei, die sich gefunden haben, die mit Worten und Gitarrenklängen auf einer Wellenlänge sind, zwei, die mit der angeborenen Skepsis des Franken auf die Welt blicken, die sie entlarven und erklären. Denn dem Franken, so wie Kusz ihn mit allen seinen Eigenheiten seit Jahrzehnten beschreibt, macht so schnell keiner was vor.

Wenn der Franke euphorisch ist, dann sagt er bei Fitzgerald Kusz einfach "Uns geht's gut". Und wenn ihm danach ist, den Reichtum des Nürnberger Dialekts an Schimpfworten zu demonstrieren, macht Kusz aus der Litanei der Injurien ein Sonett.

 

Dm Volk aufs Maul schauen

 

Der Literat und der Bluesmusiker sind seit rund zwei Jahrzehnten ein bestens harmonierendes Duo. Verblüffend, wie es Fitzgerald Kusz immer wieder gelingt, den grundsätzliche skeptischen Blick des Franken auf die Schlechtigkeit der Welt in knappe, höchst anschauliche Worte zu fassen.

Sein Medium ist der Dialekt mit seiner ungeschminkten Prägnanz. Dem Volk auf das Maul zu schauen - diese Kunst hat Kusz längst perfektioniert. Je schmuckloser seine Texte daher kommen, desto näher sind sie oft der Wirklichkeit.

Den Soundtrack des Abends liefert der fränkische Bluesgitarrist Klaus Brandl, der wunderbar melancholische Klänge in den großen Saal des Münchner Hofbräu zaubert. Zugleich aber animiert er den Dialekt-Poeten dazu, seine Texte immer wieder als Sprech-Partituren zu interpretieren. Das Publikum im ausverkauften Saal ist jedenfalls restlos begeistert und erklatscht sich am Ende drei Zugaben.  

 


Literarisches Gedenken an die Auschwitz-Befreiung

 

Coburger Tageblatt vom 30. Januar 2015

 

WIE ERINNERUNG ZUR MAHNUNG WIRD

 

GEDENKEN - Die beiden Autorinnen Marta Kijoska und Sabine Friedrich geben mit einer gemeinsamen Lesung im Casimirianum als literarische Chronistinnen Einblick in den polnischen und deutschen Widerstand in der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

 

Von unserem Redaktionsmitglied Jochen Berger

 

Coburg - Draußen am historischen Haupteingang des Gymnasiums Casimirianum hängen zwei Plakate friedlich nebeneinander: Marta Kijowska und Sabine Friedrich. 

Die beiden Autorinnen aus Krakau und Coburg sind die Gesichter dieses Abends, der mit einem Tag Verspätung an den 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers von Auschwitz erinnern soll.

Gedenken und Versöhnung, Erinnerung und Mahnung - dafür stehen auch die beiden Bücher, die Kijowska und Friedrich im Gepäck haben. Bücher, die dem Abend in der Aula des Gymnasiums Casimirianum das Moto "Chronistinnen des Widerstands" bescheren.

 

Wahnsinn des Krieges

 

Eine polnisch-deutsche Begegnung auf literarischer Ebene - ein durchaus symbolisch zu verstehender Dialog angesichts der konfliktreichen Geschichte beider Länder. Der Widerstand gegen den Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs, der Widerstand gegen den Völkermord der Nationalsozialisten - an diesem Abend wird er aus zwei Perspektiven geschildert. 

Dem polnischen Widerstand widmet sich die in Krakau geborene Autorin Marta Kijowska. Ihr Protagonist: Jan Karski, der einst dem polnischen Untergrund als Kurier in heikler Mission diente und den Kijowska als "Kurier der Erinnerung" beschreibt. Die Autorin schildert darin das abenteuerliche Leben des 1914 in Lodz geborenen Karski, der eigentlich eine Diplomatenkarriere vor sich hatte, als die Wehrmacht 1939 Polen überfiel. Als Kurier des polnischen Widerstands, der die polnische Exilregierung in London mit Informationen versorgte, versuchte Karski gleichzeitig, die britische und anschließend die amerikanische Regierung dazu zu bewegen, den Holocaust zu stoppen - freilich vergeblich, wie die Geschichte bekanntlich lehrt.

 

Allianz gegen das Vergessen

 

Vergeblich auch die Anstregungen der verschiedenen Widerstandsgruppeirungen in Deutschland, das Hitler-Regime zu stürzen - Bemühungen, denen Sabine Friedrich einen Roman von wahrhaft epischen Ausmaßen gewidmet hat. Mehr als 2000 Seiten ist ihr Band dick, der immer noch der Übersetzung harrt. Lapidarer Titel: "Wer wir sind".

Wer aber sind die Polen und Deutschen heute und was haben sie aus der Geschichte gelernt? Auch darum geht es an diesem Abend, den geleich vier Vereine und Institutionen gemeinsam veranstaltet haben: Coburger Literaturkreis, Evangelisches Bildungswerk, Katholische Erwachsenenbildung und das Netzwerk für Toleranz. In dieser speziellen Konstellation gleichsam eine Allianz gegen das Vergessen.

Denn die Gnade der späten Geburt - sie darf für die jüngere Generation kein Freibrief zum Vergessen sein. Und damit niemand hinter den Verbrechen der Vergangenheit längst vergangene Verhaltensmuster vermutet, hat Pfarrer Dieter Stößlein vom Evangelischen Bildungswerk gleich eine eindringliche Mahnung bereit: "Der Weg nach Auschwitz begann mit Intoleranz." Als Vorsitzenden des Coburger Literaturkreisens bwegt Alois Schnitzer angesichts der beiden Erinnerungsbände diese entscheidende Frage: "Wie schafft man es, dass sich Geschichte nicht wiederholt?"

Alsd Moderator des Abends bemüht sich der Historiker Karlheinz Schoofs, Direktor des Arnold-Gymnasiums Neustadt, um Gerechtigkeit bei der Bewertung: "Die Geschichte tut sich im Rückblick leicht zu sagen, der Widerstaand hat versagt." Wie wichtig aber rechtzeitiger Widerstand sei - darauf verweist Sabine Friedrich mit großem Nachdruck angesichts der aktuellen Nachrichtenlage an Europas Grenzen, aber auch im Inneren Deutschlands: "Wir müssen gar nicht sehr in die Vergangenheit schauen. Was momentan bei uns an den Außengrenzen Europas passiert - das ist das Verbrechen, dem wir uns noch stellen müssen."

 

Misstrauisch beäugt

 

Mit einigen Ausschnitten aus ihren beiden Büchern lassen die Autorinnen dann die Erinnerung an den Kampf des polnischen wie des deutschen Widerstands im Zweiten Weltkrieg sehr eindringlich lebendig werden. "Untereinander zerstritten, im eigenen Land verfolgt, im Ausland misstrauisch beäugt" - das war aus Sabine Friedrichs Sicht die Ausgangssituation des deutschen Widerstands.

 

Zwei Schriftstellerinnen und ihr Schaffen

 

Marta Kijowska, geboren in Krakau, hat 2014 als ihr fünftes Buch die Biografie "Kurier der Erinnerung - Das Leben des Jan Karski" herausgebracht, in dem sie an den polnischen Intellektuellen und Widerständler Jan Karski erinnert, der den Holocaust stoppen wollte. Die germanistin, die seit Langem in München als Publizistin und Übersetzerin lebt, hat erst im Juni 2014 in einer Lesung den Coburgern die moderne polnische Literatur nähergebracht. - Marta Kijowska: Das Leben des Jan Karsji. Kurier der Erinnerung", gebundene Ausgabe 24,95 Euro

Sabine Friedrich, in Coburg geboren, veröffentlichte 2012 ihr hochgelobtes Monumantalwer "Wer wir sind", mit dem sie dem deutschen Widerstand ein Denkmal setzte. Die promovierte Germanistin und Autorin mehrerer Romane lebt seit 1996 wieder in Coburg. - Sabine Friedrich "Wer wir sind", Roman, 2032 Seitenb, 29,90 Euro

Veranstalter Der Abend wurd gemeinsam veranstaltet vom Coburger Literaturkreis, dem Evangelischen Bildungswerk, der Katholischen Erwachsenenbildung und dem Netzwerk für Toleranz.

 

 

Lesung mit Katja Petrowskaja

 

Coburger Tageblatt vom 17. Oktober 2014

 

BEGEGNUNG

WARUM SUCHT SIE AUF DEUTSCH NACH DEN VERLORENEN?

 

Von unserem Redaktionsmitglied Carolin Herrmann

 

Coburg - Eine ausgesprochen merkwürdige Begegnung, vielleicht sogar als etwas unheimlich zu beschreiben, bescherte die jüngste Lesung des Literaturkreises Coburg. Eingeladen war am Mittwoch die Ingeborg­-Bachmann-Preisträgerin Katja Petrowskaja, eine  Ukrainerin, die jetzt in Berlin lebt und eben mit dem bedeutendsten deutschen Preis für Erstlinge geehrt wurde, mit dem ,,Aspekte"-Literaturpreis des ZDF. ,,Mit ‚Vielleicht Esther‘ ist Katja Petrowskaja ein überwältigendes Debüt gelungen. Es reißt den osteuropäischen Himmel auf und zeigt den deutschen Lesern eine Welt, von der so noch nicht erzählt worden ist“, urteilt die Jury.

Und wenn schon in diesem Geschichten-Band, der sich zu einem großen Panorama fügt, wenn in seinen machtvollen Bildern, der lapidaren Darstellung von Lebensgeschichten, in seiner poetischen Klarheit und Intensität Ungeheuerliches nach dem Leser greift, so öffnete diese zarte Gestalt gerade auch in ihrer Person am Mittwoch im vollen Hexenturm-Saal eine ,,andere" Dimension. Die Welt der ,,unorganisierten  Materie", wie es einmal heißt? - Worüber man eigentlich nicht spricht. Katja Petrowskaja hing selbst in der Spannung zwischen Angst, zu viel zu sagen, und dem Bedürfnis, von dem zu erzählen, was ihr alles geschah.

1970 in Kiew geboren, interessierten sie ihre jüdischen Verwandten der Vergangenheit von Deutschland bis Russland überhaupt nicht. Sie selbst ist auch nicht jüdisch, gehörte voll und ganz dem sowjetischen Kosmos und seinen gigantischen Verwerfungen des 20.Jahrhunderts an. Es geht ihr bis heute vor allem um den ,,Resonanzraum", in dem sich die Dinge ereignen und in dem wir uns befinden. Woher dieser Drang kam, die Verschwundenen zu suchen, kann sie nicht sagen. Als sie 1999 im Nieselregen erstmals auf dem Berliner Bahnhof steht, in der zugigen Leere inmitten dieser friedvollen Stadt, in der sie heute mit Mann und zwei Kindern lebt, ist vollkommen unerwartet ,,alles" präsent. Ein Gefühl des Verlustes überfällt sie ohne Vorwarnung, so dass sie um Gleichgewicht ringen muss.

Das Motiv des Fliegens bildet sich immer wieder heraus. Katja Petrowskaja erscheint selbst wie eine, die durch viele Ebenen der Realitätswahrnehmung fliegt, hellsichtig in eine Vergangenheit hinein, die sie doch gar nichts anging. Ein gefährlicher Zustand. Aus dem heraus sie aber Dinge unmittelbar mitteilen kann, derer wir nicht gewahr werden, die uns aber - in einem beherrschenden ·Unterbewusstsein?. -  prägen und lenken.

 

Was ihr widerfährt

 

Dabei lehnt es Katja Petrowskaja trotz der fulminanten Auszeichnungen ab, Literatin genannt zu werden: ,,Literatur ist Fiktion und ich bin nicht fähig zur Fiktion. Ich kann nur schreiben, was mir widerfährt." Was aber alles ihr da widerfahren ist in der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, in der sie scheinbar lebt, floss in die 280 Seiten von ,,Vielleicht Esther", könnte aber auch eine dreibändige Saga jüdischen Familienlebens in Osteuropa über 100 Jahre hinweg füllen: so viele Seelenbegegnungen, so viele Abgründe im Alltäglichen, so viel Witz über alle Verzweiflung hinweg, Skurrilität, ganz normale Menschlichlichkeit im Guten wie im Bösen. Alles leicht und lapidar erzählt, dabei komplex und ständig aus dem Heute heraus reflektiert.

Manches ist "publizistisch", also stringent erzählt aufgrund umfangreicher Recherche in verschiedenen Ländern und Archiven. Dann tritt der Text immer wieder hinüber in einen traumgesichtigen, überrealistischen Zustand des "Deliriums", wie sich die Autorin selbst wundert, ein Zustand, der aber kontrolliert und überlegen beobachtend bleibt. - Atemberaubend.

 

Es gibt keine Erklärung dafür

 

Die Geschichte von der Großmutter des Vaters etwa, die vielleicht Esther hieß und 1941 im besetzten Kiew "mit nachlässiger Routine" von deutschen Soldaten erschossen wird. Jener Großonkel Judas Stern, der 1932 ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat in Moskau verübt, rein zufällig übrigens. Ein weiterer Großonkel, der Untergrundkämpfer in Odessa wird, ein Urgroßvater, der in Warschau ein Waisenhaus für taubstumme Kinder gründete. Oder ganz im Heute die Geschichte vom Musuemsbesuch Petrowskajas mit ihrer Tochter, bei dem die Elfjährige sich nicht abhalten lässt, gezielt in die schlimmste Abteilung zu gehen und vor der Übersichtstafel zur Vernichtung der Juden und den Listen der Ermorderten unvermittelt fragt: "Mama, wo stehen wir da?"

Als "Schreiberin" sieht sich Katja Petrowskaja, das schon, die nach einer Sprache sucht für das, was eigentlich nicht zu fassen ist. Als Unheimlichstes in allem aber ist zu benennen: die russisch sprechende Ukrainerin begann ihre Geswchichten auf Russisch - und konnte dann nicht anders als auf Deutsch zu schreiben. "Es gibt keine Erklärung dafür." Vor allem nicht für die schlafwandlerische poetische Sicherheit und Präzision, in der ihr das gelang.

 

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther. Geschichten. Suhrkamp Berlin, 285 Seiten, 19,95 Euro

 

Die Autorin

Katja Petrowskaja, 1970 im Kiew geboren, studierte Literaturwissenschaft und Slawistik an der Universität Tartu (Estland). 1994/95 ging sie mit einem Stipendium an die Stanford University und die Columbia University und promovierte 1998 an der Universität Moskau. 1999 zog sie nach Berlin, um als Journalistin für verschiedene russische und später deutsche Medien zu berichten, für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) schreibt sie seit 2011 die Kolumne "Die west-östliche Diva". 2013 erhielt sie für "Vielleicht Esther" den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Neue Presse vom 17. Oktober 2014

 

IM SOG DES TRAUMS

Katja Petrowskaja stellt ihr preisgekröntes Debüt "Vielleicht Esther" beim Coburger Literaturkreis vor. Sie erzählt darin eindringlich vom Unheil des 20. Jahrhunderts.

 

Von Dieter Ungelenk

 

Coburg - ,,Eigentlich ist das ganze Buch ein Fehler." Ein kurioser Satz aus dem Munde einer Autorin, der dieser "Fehler" gerade einen der begehrtesten deutschen Literaturpreise eingetragen hat. Koketterie? Under­statement? Übermut? Nichts scheint Katja Petrowskaja ferner zu liegen. Die 44-Jährige wirkt eher wie eine staunend teilnehmende Beobachterin des eigenen Erfolgs, die das plötzliche Aufhebens um ihr Werk und ihre Person mit Irritation verfolgt, und die sich den Spielregeln des Literaturbetriebs nicht so einfach unterwirft. Ihr Terminkalender füllt sich dennoch, seit sich zum Ingeborg-Bachmann-Preis 2013 die Nominierung zum Deutschen Buchpreis ge­sellte - und vor kaum drei Wochen nun auch noch der ,,aspekte"-Litera­turpreis.

Der Coburg-Besuch war da freilich schon lange gebucht: Der hiesige Li­teraturkreis war beizeiten auf das au­ßerordentliche Debüt der deutsch-ukrainischen Autorin aufmerksam geworden und hatte sie für den­ Herbst eingeladen. Linde Kuns­tmann, die rührige Vorsitzende des Vereins, hatte die Lesung arrangiert - doch sie konnte sie nicht mehr moderieren: Am 3. Oktober ist sie im Alter von 67 Jahren gestorben.

In ihrem Sinne hielten die Literaturfreunde an dem Termin fest, und so war es am zweiten Vorsitzenden Alois Schnitzer, Publikum und Publi­zistin am Mittwoch im vollen Saal des Hexeriturms zu begrüßen.

In ihrem Buch "Vielleicht Esther" erzahlt die in Kiew geborene Katja Petrowskaja von einer Spurensuche nach den eigenen sowjetisch-rus­sisch-jüdischen Wurzeln, von einer Reise in die vom Holocaust verwun­dete Familiengeschichte. Von Berlin aus macht sich die Ich-Erzählerin auf den Weg nach Warschau, nach Kiew, nach Mauthausen, um mehr uber das Leben und Sterben ihrer Vorfahren zu erfahren. Das Ergebnis ist kein Familienroman, sondern eine Sammlung von Geschichten, eine episodische Rekonstruktion, literarisch verwoben aus Erinnerungen und Recherchen, die sich zu einem Panorama des 20. Jahrhunderts ver­dichten. Nicht nur als Erzählerin geht Pe­trowskaja eigene Wege: von konven­tionellen Lesungen hält sie wenig, sie sucht das Gespräch mit dem Publikum, möchte ihre Intentionen erläutern, ihr literarisches Verständnis, ihre Arbeitsweise an der aus ihrer Sicht fragwürdigen Grenze zwischen Faktizität und Fiktion, ihr Schreiben in einer Sprache, die sie sich als "Besatzungsmacht angeeignet" hat: Deutsch lernte Katja Petrowskaja ja erst als Erwachsene.

Aufrichtig, nachdenklich, selbstkritisch und sympathisch unbelastet von den Strategien der Selbstvermarktung spricht die Autorin auch über die Fragen, Zweifel, Grenzen, auf die sie

"im Sog der Recherche" und auf der ,,Suche nach Haltung" stieB bei ihrem Vordringen in das Unheil des 20. Jahrhunderts. Auch aus ihrer Skepsis gegenüber Juroren-Prosa macht die Literaturwissenschaftlerin keinen Hehl: "Das hat wenig mit mir zu tun", merkt sie zu Abschnitten aus der Eloge der "aspekte"-Jury an.

 

Melancholie und Komik

 

Von der Geschichte selbst erfährt der Besucher nicht allzuviel an die­sem Abend, doch er bekommt durch einige Passagen aus "Vielleicht Esther" einen Eindruck vom erzähleri- schen Geschick Katja Petrowskajas, von der Poesie ihrer Prosa, vom faszinierenden Sound, von ihrer ein­dringlichen melancholischen Tonart und ihrem trockenen Witz. Die Reise beginnt im Berlin der Gegenwart, das Zugpassagiere mit der bombasti­schen Werbung fur  "Bombardier" willkommen heißt - ein Musical. Die Irritation darüber stiftet eine Zufallsbekanntschaft mit Sam, einem ame­rikanischen Juden osteuropaischer Herkunft.

Gemeinsam fahren sie nach Polen - mit dem Warszawa-Express, "einem Express, der sich gegen die Zeit bewegt". Die Reise führt weiter in das Moskau des Jahres 1932, wo dem Studenten Judas Stern, einem Großonkel der Autorin, wegen eines Attentats die Farce eines Prozesses gemacht wird. Der Angeklagte reagiert mit der "Rache der Ohnmächtigen": mit Witz. Diese Art des Widerstands ist wohl "Familienstil", bemerkt Katja Petrowskaja: "Lieber ein Clown sein, als Regeln zu akzeptieren, die man nicht respektiert."

 

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther, Suhrkamp Insel 2014, 285 Seiten, 19,95 Euro, ISBN: 978-3-518-42404-9

 

 

"Polen, das heißt nirgendwo"

 

Neue Presse vom 25. Juni 2014

 

PARFORCE-RITT STATT STREIFZUG

Marta Kijowska und Hans-Joachim Föller sprechen über polnische Literatur im Wandel der politischen Systeme

 

Von Christine Wagner

 

Coburg - Ein Ort am Rand kann auch Mittelpunkt der Welt sein. Zumindest für diejenigen, die diese Peripherie bevölkern. Auf Einladung des Coburger Literaturkreises sowie des Evangelischen Bildungswerks und der Katholischen Erwachsenenbildung war die polnische Journalistin und Übersetzerin Marta Kijowska am Montag im Haus Contakt zu Gast. Den Abend, der musikalisch passend durch Chopin-Interpretationen von Megumi Ikeda (Violine) und Juhyun Jeong (Klavier) eingerahmt wurde, moderierte der Journalist und Politikwissenschaftler Hans-Joachim Föller.

Es sollte ein "Streifzug" durch die polnische Literatur des 20. Jahrhunderts werden und geriet doch - angesichts der Fülle von Personen und Ereignissen - über weite Strecken zu einem Parforce-Ritt. "Polen, das heißt nirgendwo" schrieb der französiche Schriftsteller Alfred Jarry 1896, und Marta Kijowska bedient sich für ihren Buchtitel dieses Zitats. In der Tat existierte Polen zu dieser Zeit nicht, es war aufgeteilt zwischen Russland, Österreich und Preußen. Erst nach dem Ersten Weltkrieg gab es wieder einen souveränen Staat Polen, und Marta Kijowska schildert zunächst die Aufbruchstimmung und Begeisterung, die die polnischen Schriftsteller angesichts der wiedergewonnenen Unabhängigkeit erfasste. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs allerdings versank Polen in Zerstörung.

Nach 1945 konnten im kommunistischen Staat viele polnischen Autoren ihre Werke nicht publizieren, aber - so weiß Kijowska - "es waren nicht alle oppositionell". Manche arrangierten sich mit den neuen Machthabern, andere schlossen sich - vielfach unterstützt durch die katholische Kirche - zu Untergrundgruppen zusammen. Immer wieder wehrten sich Dichter gegen die Staatsdoktrin vom "Sozialistischen Realismus", immer wieder kam es zu Verboten durch die Zensur. "Ich hatte den Glauben an das Wort verloren. Die Zensur gab ihn mir wieder", schrieb Stanislaw Jerzy Lec.

Der chronologische Bogen, den Marta Kijowska spannt, erstreckt sich bis in die Zeit nach der Wende von 1989, als es galt, den Literaturbetrieb neu zu ordnen, als neue Themen und Stile aufkamen.

Mit großem Interesse und Konzentration folgte das Publikum den Ausführungen Kojowskas und Föllers, doch wäre dem Abend ein strukturierterer Aufbau zu wünschen gewesen. Zu oft blieben die beiden Protagonisten im Detail stecken, warfen - ganz Insider - Namen über Namen ins Gespräch. Dennoch gab die Veranstaltung eine Menge Anreize und machte neugierig auf Polen und seine Literatur.

Marta Kijowska: "Polen, das heißt nirgendwo. Ein Streifzug durch Polens literarische Landschaften". 220 Seiten, gebunden, C. H. Beck Verlag München, 19,90 Euro. ISBN-13: 978-3406563751 

Coburger Tageblatt vom 25. Juni 2014

 

Literatur

POLEN? HEISST DAS NIRGENDWO?

 

Von unserer Mitarbeiterin Laura Scheler

 

Coburg - Einen Streifzug durch die polnische Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts gab es am Montag im Contakt. Unter dem Titel ihres Buches "Polen, das heißt nirgendwo" hatten der Coburger Literaturkreis, das Evangelische Bildungswerk und die Katholische Erwachsenenbildung die polnische Autorin Marta Kijowska eingeladen.

Die gebürtige Krakauerin studierte Germanistik in ihrer Heimatstadt und in München. Heute arbeite sie als Journalistin, Übersetzerin und Autorin in Deutschland. Das Publikum erlebte ein interessantes Gespräch zwischen dem Journalisten und Politikwissenschaftler Hans-Joachim Föller und der polnischen Autorin.

Nach 120-jähriger Nichtexistenz als Staat, aufgeteilt zwischen Österreich, Deutschland und Russland, wurde Polen 1918 unabhängig. Die Freude über die neugewonnene Freiheit und das Zusammenwachsen der drei Landesteile fanden ihren Niederschlag in der Literatur der 20er Jahre. Prägende Autoren zu dieser Zeit waren der "polnische Kafka" Bruno Schulz und Stanislaw Jerzy Lec. Ruhm und Erfolg erlangte dieser mit seinen Aphorismen. "Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht fand, wurde ich Schriftsteller", hat er seine Berufswahl begründet.

 

Rückzug und Stagnation

 

Im Zweiten Weltkrieg kam das literarische Leben in dem von Deutschland besetzten Polen völlig zum Erliegen. "Sozialistischer Realismus" lautete dann die Doktrin in der Stalinzeit. Einige machten mit, oft ohne innere Überzeugung, so Marta Kijowska, zum Beispiel der Auschwitz-Autor Tadeusz Borowski. Mit dem Tod Stalins 1953 setzte für kurze Zeit "Tauwetter" ein. Dies rief die "Generation 56" auf den Plan, oft schon ältere Literaten, die nun ihre Werke publizieren konnten. "Unsere kleine Stabilisierung", so wurden die 60er Jahre in Polemn oft bezeichnet. Es herrschte Stagnation. Ins Zentrum der Literatur rückte in dieser Zeit Krakau, heute eine von sieben Unesco-Literaturstädten. Marta Kijowska ließ die Stadt hrer Kindheit in den erinnerungen der Dichterin Marzena Broda auferstehen, eine schöne Stadt mit einer hässlichen kommunistischen Fratze und dunklen Gassen, dennoch eine Insel geistiger Freiheit.

"Aktualität und Realität!" lautete die Forderung einer Gruppe von jungen zornigen Dichtern, genannt "Neue Welle" oder "Generation 68". Mit der Wende wurde in den 90er Jahren dann alles anders. "Die Literatur der kleinen Vaterländer" war "jung und sexy", beschäftigte sich mit nicht-polnischen Themen, mit Fiktion und Weiblichkeit. Im Zuge der Globalisiwerung wurde auch die Literatur Polens westlicher, berichtete Marta Kijowska. Auch in Polen stünden heute die amerikanischen Bestseller an der Spitze der Verkaufslisten.

Dennoch bleibe Polen ein Land der großen Literatur und der großen Autoren. Besonders die Lyrik habe in der Vergangenheit eine dominante Stellung eingenommen, bot die Möglichkeit, zwischen den Zeilen zu sprechen, sagte Marta Kijowska.



Lesung mit Monika Maron:



Neue Presse vom 7. November 2013

 

IM PARK DER LEBENDEN TOTEN

Monika Maron stellt beim Literaturkreis ihren neuesten Roman "Zwischenspiel" vor.

 

Von Christine Wagner

 

Coburg – „Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod.“ Monika Maron ist sich da ganz sicher, auch wenn sie in ihrem neuesten Roman Tote wieder auferstehen lässt. Auf Einladung des Literaturkreises war die Berliner Schriftstellerin nach Coburg gekommen. In der Aula des Gymnasiums Casimirianum stellte sie am Dienstagabend vor zahlreichen und höchst aufmerksamen Zuhörern ihr jüngstes Werk „Zwischenspiel“ vor. 

Eingangs hatte die Vorsitzende des Literaturkreises, Linde Kunstmann, betont, dass mit dem Besuch von  Monika Maron ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen sei, sozusagen als Geburtstagsgeschenk zum 30jährigen Bestehen des Coburger Literaturkreises.

Über eine Stunde las Monika Maron aus  „Zwischenspiel" und führte die Zuhörer ein in die Welt und das Leben von Ruth, der Ich-Erzählerin: Heute ist Olgas Beerdigung. Sie war die Mutter von Ruths erstem Mann und ihre gute Freundin. Bevor Ruth zum Friedhof aufbricht, widerfährt ihr Sonderbares: ein kleiner Wolkenfetzen scheint am Himmel rückwärts zu liegen, und fortan löst sich Ruths Blick auf in tanzende bunte Punkte. Durch die Sehstörung bedingt, gelangt sie nicht zum Friedhof, sondern in einen Park, in dem sie nicht nur Olga wieder begegnet, sondern auch anderen Verstorbenen. Im Lauf des Tages begleitet der Leser Ruth durch ihr bisheriges Leben.

Mithilfe der Dialog-Konstruktion kann Monika Maron viel von dem verarbeiten, was sie offenbar bewegt: Was ist Schuld und kann sie getilgt werden? (Einer der Kernsätze des Buches lautet: „Schuld bleibt immer, so oder so.“) Was ist unsere persönliche Verantwortlichkeit? Wie wurden wir zu dem, was wir sind? „Wo bleiben die ganzen Ichs überhaupt, die man in einem Leben war ...?“, so fragt sich Ruth.

All diese philosophischen Fragestellungen verarbeitet Monika Maron in leichter Tonlage, mit wohltuender Gelassenheit und ohne jede ideologische Überfrachtung. Vieles, was Maron ihren Figuren in den Kopf bzw. in den Mund legt, steht an der Grenze zum Banalen. Viel Allgemeines findet sich. Doch weiß Monika Maron jede Plattitüdenklippe mit eloquenter Eleganz, scharfem Denken und scharfer Zunge zu umschiffen. Und so liest sich das Buch mit Vergnügen und unangestrengt.

Ihren feinen Humor beweist die Autorin in der Szene, als auch Margot und Erich Honecker im Park auftauchen und den Sozialismus verteidigen. „Hier hatte ich ein formales Problem“, erzählt Monika Maron nach der Lesung. Schließlich könne Ruth eigentlich nur die Toten klar erkennen, und Margot Honecker lebe ja schließlich noch. „Ich habe sie kurzerhand ins Totenreich abgeschoben“, erklärt Monika Maron lächelnd. Angesprochen auf den Begriff der Schuld, erklärt Monika Maron: „Ich glaube, es gibt Situationen, aus denen man nicht ungeschoren herauskommt.“ Und so geht es ihrer Protagonistin Ruth, die die gesellschaftlichen Normen zwar nicht ablehnt, jedoch erkennen muss, dass sie diese nicht erfüllen kann. Und Monika Maron ist sich sicher, dass wir Menschen unsere Bestimmung nicht mehr (er)kennen: "Wir brauchen in jeder Situation und in jedem Alter ein neues Ratgeberbuch.“

 

Vita

Monika Maron wird 1941 als Monika Eva Iglarz in Berlin geboren. Nach Kriegsende lebt sie zunächst mit ihrer Mutter in Westberlin. 1955 heiratet die Mutter den SED-Funktionär und späteren DDR-Innenminister Karl Maron. Die Familie zieht nach Ost-Berlin, und Monika nimmt den Familiennamen des Stiefvaters an. Nach dem Studium der Theaterwissenschaften arbeitet sie zunächst als Journalistin, seit 1976 dann als freie Schriftstellerin. 1981 veröffentlicht sie ihren ersten Roman „Flugasche“, in dem sie offen die Umweltsünden der DDR beklagt und anprangert. Das Buch erscheint nur in Westdeutschland. 1988 übersiedelt Monika Maron in die Bundesrepublik und lebt seit 1993 wieder in Berlin. Seitdem hat sie zehn weitere Romane und zahlreiche Essays veröffentlicht. Monika Maron wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Kleist-Preis und dem Deutschen Nationalpreis.



Lesung mit Monika Maron:

 

Coburger Tageblatt vom 7. November 2013

 

"MEIN HIMMEL IST LEER"

Begegnung - Wie die Schriftstellerin Monika Maron in ihrem neuesten Roman "Zwischenspiel" einen Reigen ungewöhnlicher Begegnungen mit Lebenden und Toten in Szene setzt.

 

Von Jochen Berger

  

Coburg - Das Leben ist manchmal die reinste Irrfahrt. Doch wer falsch abbiegt, kommt vielleicht gerade deshalb auf seltsame Weise an ein Ziel, das er vorher gar nicht gekannt oder erahnt hat. Davon erzählt die Schriftstellerin Monika Maron in ihrem soeben erschienenen neuen Roman "Zwischenspiel", den sie in der Aula des Gymnasiums Casimirianum bei einer Lesung beim Coburger Literaturkreis vorstellte.

Ruth, die Ich-Erzählerin in "Zwischenspiel", ist eigentlich auf dem Weg zu einer Beerdigung: Olga ist gestorben, 90-jährig, die Mutter ihres einstigen kurzzeitigen Lebensgefährten Bernhard. Doch statt auf dem Friedhof bei Pankow landet Ruth in einem benachbarten Park - irregeleitet durch die Anweisungen ihres neuen Navigationsgeräts. Dieser Park aber wird zum Ort seltsamer Begegnungen. Hier trifft sie ihren Ex-Lebensgefährten Bernhard, den Vater ihrer einzigen Tochter Fanny, hier erscheint ihr Olga mit der Mahnung: "Du musst jetzt gehen - sonst kommst Du zu spät zu meiner Beerdigung."

 

Spiegel der Erinnerung

 

Auf geheimnisvolle Weise bevölkert sich der Park mit Lebenden wie auch mit Toten. Während Ruth jedoch wegen einer Sehschwäche die Lebenden nur grob gepxelt erkennen kann, sieht sie die Verstorbenen mit irritierender Klarheit. Dieser dramaturgische Kniff klingt, wenn man ihn beschreibt, ein wenig konstruiert. Tatsächlich fügt Monika Maron aus diesen Begegnungen die Geschichte einer Frau zusammen, die in diesen Gesprächen immer wieder zum Blick in den Spiegel gezwungen wird. Denn jeder der Toten, die mit Ruth sprechen, erzählt ihr aus der jeweils ganz persönlichen Perspektive die eigene Geschichte.

 

Deutsch-deutsche Geschichte

 

Und immer wieder stellt sich Ruth auf diese Weise die Frage, was sie in ihrem Leben richtig und was falsch gemacht habe. "Weißt du", sagt die verstorbene Olga, "Schuld bleibt immer - so oder so." Aber stimmt das wirklich? Was passiert denn, wenn man "nur die Wahl zwischen dem einen und dem anderen Falschen" hat, wenn es "das Richtige" gar nicht gibt?

Auch "Zwischenspiel" ist - wie viele Bücher aus der Feder von Monika Maron - eine deutsch-deutsche Geschichte. Die Ich-Erzählerin Ruth flüchtet aus dem Osten Berlins mit ihrer Tochter in den Westen, um später erfahren zu müssen, dass sie auch im Westen von der Stasi ausgehorcht wurde.

Ohne allzu große Mühe lassen sich in diesem Roman biografische Parallelen zu Monika Marons eigenem Leben finden. Wer "Zwischenspiel" freilich vorrangig autobiografisch deuten wollte, greift zu kurz. Denn am Beispiel der Ich-Erzählerin wirft sie ganz grundsätzliche Fragen auf - Fragen nach Schuld und Vergebung. Monika Marons Sprache ist klar und prägnant, anschaulich und zugleich poetisch. Immer wieder verdichtet sich die Sprache zu Metaphern, wenn sie Ruth illusionslos sinnieren lässt "Mein Himmer ist leer" oder wenn es "in den Verliesen meiner verbannten Erinnerungen" rumort.

 

Geburtstagsgeschenk

 

Mit Monika Marons Lesung in der Aula des Casimirianums hat sich der Coburger Literaturkreis zu seinem 30-jährigen Bestehen selbst ein Geburtstagsgeschenk gemacht. Wie meinte doch Vorsitzende Linde Kunstmann zur Begrüßung: "Ein lange gehegter Wunsch ist endlich in Erfüllung gegangen."

 

Aus dem Leben einer Schriftstellerin

 

Monika Maron ist "eine der ganz großen Autorinnen unserer Zeit", so der Literaturkritiker Denis Scheck. 1941 in Berlin geboren, lebte sie von 1951 bis 1988 in der DDR. Ihr Debütroman "Flugasche" - die erste literarische Auseinandersetzung mit der Umweltverschmutzung in der DDR - konnte dort nicht erscheinen und wurde 1981 im Westen veröffentlicht. 1988 übersiedelte Monika Maron in die Bundesrepublik und lebt seit 1993 wieder in Berlin. Seitdem hat Monika Maron mehr als zehn Romane und zahlreiche Essays veröffentlicht. Besonders der Roman "Animal triste" von 1996 stieß dabei auf ein großes Interesse. Monika Maron erhielt eine Reihe von Auszeichnungen, darunter den Kleistpreis.



30 Jahre Coburger Literaturkreis

 

Neue Presse vom 30. Oktober 2013

 

LESEN UND LESEN LASSEN

Der Coburger Literaturkreis bereichert seit 30 Jahren das Kulturleben mit Lesungen, Diskussionen und Vorträgen. Lew Kopelew und Martin Walser zählen zu seinen prominenten Gästen.

 

Von Christine Wagner

 

Coburg – „Die Satzung wurde beraten und einstimmig angenommen ... Damit ist der Coburger Literaturkreis gegründet.“ So prosaisch liest sich das Gründungs-Protokoll des gemeinnützigen Vereins, der am 15. November 1983 aus der Taufe gehoben wurde. Vorausgegangen waren „verschwörerische Treffen im Hinterzimmer der Albrecht’schen Hofbuchhandlung“, erinnern sich Oskar Ohler und Johannes Schmidt im Gespräch mit der Neuen Presse. Der Coburger Verleger Oskar Ohler hatte im April 1983 mit den Buchhändlern Werner Aschl und Siegfried Hirsch Kontakt aufgenommen und die Gründung einer literarischen Gesellschaft angeregt. „Brot fürs Ohr“ offerierte man launig. Schnell fanden sich einige Mitstreiter, und schon wenige Monate später existierte der Coburger Literaturkreis (CLK).

Gemeinsame Literaturerlebnisse und Autorenlesungen waren und sind das Hauptanliegen. Der erste prominente Gast war am 18. Mai 1984 Ludwig Harig, und schaut man heute in das Gästebuch, das die beiden Vorsitzenden Linde Kunstmann und Alois Schnitzer zum Pressegespräch mitgebracht haben, so liest dieses sich wie ein Schriftsteller-„Who’s who“. Ob Peter Rühmkorf oder Willi Fährmann, Tankred Dorst oder Rüdiger Safranski, Lew Kopelew oder Martin Walser: „Die Reaktion auf unseren Verein und Coburg war stets: klein, aber fein“, betont Ehrenvorsitzender Oskar Ohler.

Die meisten Veranstaltungen sind gut besucht, doch gibt es auch Flops, und die Finanzierung ist nicht immer ganz einfach: „Wir gehen seit 30 Jahren pleite“, lacht Johannes Schmidt und ergänzt: „Wir haben mit zehn D-Mark Beitrag und 90 DMark Zwangsspende angefangen.“

 

Coburg liest!

 

Ohne die ehrenamtliche Hilfe der 30 Mitglieder, so betont Linde Kunstmann, könnte der Verein vieles gar nicht stemmen: Da werden Plakate geklebt, Büchertische organisiert, die Werbetrommel gerührt. Für Letzteres ist seit 20 Jahren der 2. Vorsitzende Alois Schnitzer zuständig. Der Medienprofi weiß, dass man mit der Zeit gehen muss: Die Website des Vereins wird gegenwärtig aktualisiert und Alois Schnitzer überlegt, auch Facebook als Plattform für Ankündigungen zu nutzen.

Neben Lesungen erfreuen sich auch Vorträge, Podiumsdiskussionen oder Chanson- und Liederabende großer Beliebtheit. Zudem ist der CLK Mitveranstalter der Reihe „Coburg liest!“, die seit zehn Jahren stattfindet. „Wir haben uns von Anfang an stark gemacht für Coburg liest“, betont Oskar Ohler. Ob Romanciers, Lyriker oder Sachbuchautoren: Im April geben sich bekannte und (noch) unbekannte Schriftsteller in Coburg ein Stelldichein, und der CLK als Mitveranstalter hat bei der Programmauswahl ein gewichtiges Wort mitzureden.

Die Konstante im CLK sind die monatlichen Treffen, die „Literarischen Tafelrunden“ im Münchner Hofbräu, bei denen das Motto des Vereins „Lesen und lesen lassen“ mit intensivem Leben erfüllt wird.

 

Freiheitserlebnis

 

„Wie einfach es ist, einen schönen Abend zu haben“, schwärmt Linde Kunstmann, und Oskar Ohler fügt hinzu: „Für mich ist es ein Freiheitserlebnis: dann weitet sich die Welt.“ In Referaten werden Neuerscheinungen vorgestellt oder auch allgemeine Themen (wie zum Beispiel „Was ist Literatur?“) erörtert. Gemeinsam erarbeitet man Autorenporträts, und nach den Sommerferien bespricht man die „Literarischen Tauchfahrten und Höhenflügen“ der Urlaubslektüre.

Oftmals wird beim CLK heftig und leidenschaftlich diskutiert: Jeder liest anders, und was dem einen gefällt, muss noch lange nicht die Zustimmung der anderen finden. „Wir sind keine Expertenrunde, keiner muss gescheiter sein als der andere“, betont Linde Kunstmann.

 

Coburger Literaturkreis

 

Informationen über den Verein finden sich (nach der Aktualisierung) auf der Website: www.coburger-literaturkreis.de Anfragen per E-Mail an: coburger-literaturkreis@gmx.de Gäste sind – auch bei den „Literarischen Tafelrunden“ – willkommen ebenso wie neue Mitglieder. Die nächsten Veranstaltungen: Am 5. November liest Monika Maron um 20 Uhr in der Aula des Gymnasiums Casimirianum aus ihrem neuen Roman „Zwischenspiel“. Zum 200. Geburtstag von Friedrich Hebbel referiert Linde Kunstmann am 20. November um 20 Uhr im Kunstverein zu dem Thema: „Schon vergessen? Friedrich Hebbel“. 



Lenz als Schauspiel-Solo

 

Coburger Tageblatt vom 14. Oktober 2013

 

SCHREIE EINER VERZWEIFELTEN SEELE



Auftritt - So verwandelt die Schauspielerin Cora Chilcott Georg Büchners Erzählung „Lenz“ in ein furioses Theaterstück. Der Abend im Glasmuseum Rosenau erinnert zugleich an den bevorstehenden 200. Geburtstag des Dichters.

 

Von Jochen Berger

 



Rödental - Diese Augen. Weit aufgerissen – suchend, fragend, verzweifelt. Das bleiche Gesicht – ein Schrei, verzerrt zur Grimasse, Spiegel einer geplagten Seele. Oder doch schon das Gesicht eines Wahnsinnigen?

„Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg“ – so beginnt Georg Büchners Erzählung „Lenz“ scheinbar beiläufig. Büchner schildert die Natur, schreibt von Gipfeln und Bergflächen im Schnee, von nasskaltem Wetter und schwerem Nebel. Doch diese Naturschilderungen sind nur ein Spiegel. Und in diesem literarischen Spiegel wird sichtbar: ein literarisches Porträt des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz.
Das Psychogramm eines hochbegabten Schriftstellers zwischen Genie und Wahnsinn – im Glasmuseum Rosenau wird Büchners Erzählung zum furiosen Theaterabend. Die Schauspielerin Cora Chilcott, zu Gast auf Einladung des Coburger Literaturkreises, verwandelt Büchners Text in eine Partitur der Emotionen.

Einen Stuhl, einen Tisch, eine Feder, ein Tintenfass, ein paar Seiten eines vergilbten Manuskriptes – mehr braucht Cora Chilcott nicht, um Büchners Macht des Wortes inmitten geheimnisvoll funkelnder Glaskunst zu entfalten.

 

Sturm und Drang

 

Der Text erzählt von den Qualen einer Seele, die sich von der Stimme der Stille verfolgt und von Gott verlassen fühlt. Lenz, ein typischer Vertreter des Sturm und Drang, 1751 als Sohn eines Pfarrers geboren, 1792 einsam und elend in Moskau gestorben, erscheint in Büchners Erzählung als Mensch, der in der Abgeschiedenheit der Berge nach Ruhe und innerem Frieden sucht – vergeblich sucht.

„Lenz“ steht auf dem Plakat zu diesem Theaterabend im Glasmuseum, der doch zugleich und vor allem eine Huldigung an Georg Büchner und seinen in wenigen Tagen bevorstehenden 200. Geburtstag ist.

Unverstanden fühlte sich Lenz in seinem Leben, unverstanden und seiner Zeit voraus zwei Generationen später auch der 1813 geborene Georg Büchner. Der Kraft seiner Worte, die Macht seiner zugleich kraftvollen wie zerbrechlich zarten Sprache spürt Cora Chilcott in ihrer szenischen Deutung klug und feinfühlig nach.

 

Publikum lauscht gebannt

 

Die visionäre Kraft seiner Sprache, die Büchner zum Vorläufer von Naturalismus und Expressionismus werden ließ, entfaltet Chilcott mit wohl dosierter Ökonomie der Darsteller. Klug hütet sie sich vor Übertreibungen, setzt vielmehr immer wieder ganz bewusst Ruhepunkte, hält inne und lässt dann um so eindringlicher die Zuschauer in die Seele des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz blicken.

In Georg Büchners Worten und in Cora Chilcotts Darstellung erlebt das gebannt lauschende Publikum den einsamen Kampf einer von vielen Zweifeln geplagten Seele, erlebt jäh aufkeimende Hoffnungen, die freilich ebenso schnell wieder zerstört werden. Packend.

 

Ein Dichter-Porträt und seine Interpretin



Jakob Michael Reinhold Lenz, der 1751 in Livland geborene Dichter des "Sturm und Drang", führte nach einem anfänglichen Straßburger Erfolg auf Jahre hinaus, verstoßen und mittellos, ein Wanderleben. 1792 wurde er auf einer Moskauer Straße tot aufgefunden. Zu seinen bekanntesten Werken zählen "Die Soldaten".

Georg Büchner, am 17. Oktober 1813 geboren, starb bereits im Alter von 23 Jahren, gilt aber gleichwohl als einer der bedeutendsten Literaten des Vormärz, das heißt der Jahre vor der Märzrevolution 1848.

Cora Chilcott, seit zwölf Jahren Gast am Berliner Ensemble, ist mit ihren Schauspiel-Soli unter anderem an der Berliner Volksbühne, bei der Schillerwoche in Marbach, in Lissabon, Stockholm, Oslo und bei den Kleist-Tagen in Sarajevo aufgetreten. Chilcott war bereits im September 2012 mit einem Chanson-Abend und davo 2010 mit einem Brecht-Weill-Abend Gast des Coburger Literaturkreises.

  



Lenz als Schauspiel-Solo

 

Neue Presse vom 14. Oktober 2013

 

BLICK IN DEN ABGRUND DES WAHNSINNS

Cora Chilcott setzt Büchners „Lenz“ im Glasmuseum in Szene. Nach der Stille folgt der Applaus.

 



Von Christine Wagner

 



Rödental – Das sind die ganz besonderen Abende, wenn man nach dem Ende der Vorstellung gar nicht applaudieren mag. Nachdenkliche Betroffenheit, am liebsten würde man sich still davonmachen, mit niemandem reden, um nichts zu zerreden, alleine mit sich dem Erlebten nachfühlen, das Gehörte nachklingen lassen. Freilich löst sich dann die Stille und begeisterter Applaus bricht sich Bahn.

Solch einen besonderen Abend erlebten all jene, die am Samstag ins Europäische Museum für Modernes Glas nach Rödental gekommen waren, um auf Einladung des Literaturkreises Coburg eine szenische Interpretation von Georg Büchners „Lenz“-Erzählung zu erleben.

Bereits zum dritten Mal war Cora Chilcott beim Literaturkreis zu Gast, und nach zwei Chansonabenden präsentierte das Berliner Multitalent sich nun als Schauspielerin.

Vor 200 Jahren, am 17. Oktober 1813, wurde Georg Büchner geboren und in seinem kurzen 23-jährigen Leben schuf er mit „Woyzeck“, „Dantons Tod“, „Leonce und Lena“ und „Lenz“ bedeutsamste Werke.

Die Geschichte des Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792), als Dichter ein Vertreter des „Sturm und Drang“, bewegte Georg Büchner aufs Tiefste. Der Dichter Büchner beschreibt einfühlsam den hochsensiblen und gemütvollen Lenz, der Mediziner Büchner schildert dessen sich verschlechternden Gesundheitszustand (er litt wohl an paranoider Schizophrenie). Gottesglaube und -zweifel trieben Büchner um, seinem Alter Ego Lenz ergeht es ebenso.

Cora Chilcott lebt den Büchner‘schen Text: ihr Lenz ist atemlos vor Angst, gelähmt von Entsetzen. Erschreckend sichtbar wird durch beredte Gesten und Mimik der Verfall von Lenz. Cora Chilcott bringt in dem rund 75-minütigen Solo alle Facetten des Gehetzten zum Leuchten: Seine vergeblichen Versuche, zur Ruhe zu kommen, seine hochnervösen Wanderungen durchs Gebirge (man meint Bilder Caspar David Friedrichs vor sich zu sehen), seine Verzweiflung angesichts des Triumphgesangs der Hölle: „... mit dem Lachen griff der Atheismus in ihn ...“, sein unaufhaltsamer Weg in die Schwermut, stets in den Abgrund des Wahnsinns blickend:



Jean-Paul-Abend mit Eckhard Henscheid

 

Neue Presse vom 30. September 2013

 

ULTIMATIV LUSTLOS

Eckhard Henscheid enttäuscht Coburgs Literaturfreunde. Seine Lesung zum Jean-Paul-Jubiläum gerät zur Zumutung.

 

Von Christine Wagner

 

Coburg – Lust und Last: Gedenktage und Jubiläen füllen die Agenda 2013. Lust versprechen zum Beispiel zahlreiche Neuinszenierungen von Wagner- und Verdi-Opern (beide Komponisten wurden vor 200 Jahren geboren). Lustvoll gerät auch die Beschäftigung mit Friedrich Hebbel und Georg Büchner anlässlich ihrer 200. Geburtstage. Und nicht zuletzt „unser“ Jean Paul: Der oberfränkische Literatur-Titan wird zu seinem  250. Geburtstag vor allem in seinen Heimatgefilden geehrt. Hunderte von Veranstaltungen beschäftigen sich seit dem 21. März mit dem Dichter, und so lud am Freitag der Coburger Literaturkreis in den Pavillon des Kunstvereins, wo Eckhard Henscheid über „Jean Paul, Richard Wagner und ich ...“ referierte.

Hausherr Joachim Goslar hatte ein ultimatives Literaturerlebnis angekündigt, einen kurzweiligen und anregenden Abend, zu dem Literaturkreis-Vorsitzende Linde Kunstmann zahlreiche Gäste begrüßen konnte.

 

Faselig und monoton

 

Leider wurde der Abend weder kurzweilig noch anregend, denn offenbar war der berühmte Eckhard Henscheid von zurückliegenden Jean-Paul-Ehrungen so erschöpft – und jetzt kommen wir zur oben angesprochenen „Last" –, dass er nurmehr in der Lage war, seine Texte faselig und monoton vorzutragen. Henscheid begann den Abend mit dem Versuch, seine Dankesrede zur Verleihung des Jean-Paul-Preises im Jahr 2009 in München vorzulesen. Leider eignet sich der sicher geistreiche, aber auch sehr sperrige Text nicht unbedingt zum Rezitieren, umso weniger, wenn sich der Interpretierende immer wieder verhaspelt und verspricht.

Immerhin erfuhr man, dass Henscheid eigentlich ein notorischer Preis-Skeptiker und -Verweigerer sei, dann aber die „Preisbehängung“ doch akzeptiert habe. Henscheid bekennt sich selbstironisch zu seinem Neid auf den Erfolg Jean Pauls, er bewundert den „Naturbeschreiber, Naturbeschwörer und Naturmagier“ und beleuchtet Jean Pauls Annäherung ans Satirische: „Das sind Girlanden aus Dornen" (Henscheid).

„Götter, Menschen und sieben Tiere: Richard Wagners Ring des Nibelungen“. Im Kunstverein stellte der  Autor das Kapitel über die Kröte im „Rheingold“ vor. In Anbetracht des profunden Wissens seines Publikums, das seine „Quizfragen“ mühelos zu beantworten wusste, und ihm sogar eine fehlerhafte Zuschreibung nachwies, resignierte Henscheid: „Angesichts der Kompetenz des Publikums werde ich mich etwas zurückhalten.“

In einem Rückgriff auf frühere Publikationen stellte Eckhard Henscheid schließlich noch seine Wotan-Interpretation im „Disco-Deutsch“ der 1970er Jahre vor (aus „Verdi ist der Mozart Wagners“ von 1979) sowie einen Text aus „Die Mätresse des Bischofs“. Mit diesem Roman beendete er 1978 seine „Trilogie des laufenden Schwachsinns“. Die Literaturfreunde hatten sich einen inspirierenden und inspirierten Abend mit dem großen Schriftsteller und Satiriker erhofft. Leider wurde sein Auftritt zu einer Zumutung. Immerhin steckt hierin das Wort „Mut“, und dessen bedurfte Henscheid, um sich so schlecht vorbereitet und lustlos seinem Publikum zu präsentieren.

Jean-Paul-Abend mit Eckhard Henscheid

 

Coburger Tageblatt vom 30. September 2013

 

BEGEGNUNG

Wie der Satiriker Eckhard Henscheid sein Talent als Entertainer beweist

 

Von Jochen Berger

 



Coburg - Täuscht der Eindruck wirklich nicht? Ist der alte Satzdrechsler Eckhard Henscheid, dieser das Wort-Florett so erbarmungslos präzis führende Satiriker, ein wenig streitmüde geworden? Oder ist das gar schon – kaum auszudenken – die Altersmilde, die den Mitbegründer des Satire-Magazins „Titanic“ befallen hat?

Beim Coburg-Gastspiel auf Einladung des Literaturkreises jedenfalls gibt sich Henscheid geradezu konziliant. Wer den gnadenlos treffend formulierenden Polemiker Henscheid sucht, darf sich fast ein wenig wundern. Denn gnadenlos ist der 1941 in Amberg geborene Autor an diesem Abend mitnichten.

 

Jean Paul und Richard Wagner

 

Das mag am Thema seines Leseprogramms liegen. „Jean Paul, Richard Wagner und ich“ – unter diesem Motto huldigt Henscheid den Jubilaren Jean Paul (250. Geburtstag) und Richard Wagner (200. Geburtstag) mit einer durchaus bunt anmutenden Text-Mischung. Darunter findet sich auch die Dankesrede aus dem Jahr 2009, als Henscheid den Jean-Paul-Preis des Freistaats Bayern erhielt. Eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit als Jean-Paul-Bewunderer ist ein Artikel aus dem Jahr 1980 über das Jean-Paul-Museum in Bayreuth, garniert mit einem Zitat des Jean-Paul-Kenners Philipp Hausser: „Wagner macht Krach, Jean Paul nicht.“  Knapper und zugleich treffender lässt sich das ungleiche Bayreuther Jubilars-Paar des Jahres wohl kaum  charakterisieren. Ganz so lapidar dagegen ist Henscheids Wortkunst nicht.

Das Faible des Autors Henscheid für girlandenreiche Satzkonstruktionen ist selbst für versierte Rezitatoren noch immer eine heikle Herausforderung. Wer beim Lesen von Henscheids fintenreich verschachtelten Syntax-Ungetümen gelegentlich bei der Betonung falsch abbiegt, sollte sich freilich nicht all zu sehr grämen. Denn auch der Autor selbst gerät als Vortragender gar nicht so selten ins Stolpern.

Henscheid lässt sich davon freilich nicht irritieren, beweist vielmehr Entertainer-Qualitäten mit einem  Wagner-Quiz und gerät gar ins Staunen über die Textsicherheit seines Publikums in Sachen Wagner („Ich werde den Ruhm Coburgs in aller Welt verkünden.“).

Richtig in Fahrt kommt Henscheid dann bei einem Text aus frühen Jahren – einem Ausschnitt aus der „Mätresse des Bischofs“. Seine Parodie auf den Ur-Vater aller Fernsehpfarrer, auf Adolf Sommerauer, lockert jedenfalls endgültig die Lachmuskeln der Zuhörer. Danach bleibt noch ein wenig Zeit für ein paar persönliche Worte zwischen Autor und Zuhörer, bevor sich Henscheid schließlich geduldig ans Signieren macht.













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